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So etwas war ihm noch nie passiert. Jörg Widmann ist zwar trotz seiner jungen Jahre einer der vielbeschäftigtsten Komponisten des Landes und terminlich stets am Limit, hat gerade für die Wiener Philharmoniker und Pierre Boulez ein Orchesterstück abgeliefert und kann sich vor Angeboten kaum retten. Aber er musste noch nie ein Orchester bitten, ein Urau!ührungsdatum zu verschieben. Dass ihm das 2005 ausgerechnet bei einem Kompositionsauftrag der Jungen Deutschen Philharmonie passierte, deren „guten Geist” er so sehr schätzt, hatte mit der speziellen Gattung zu tun, an der er hier arbeitete: Ein Violinkonzert sollte er komponieren und damit ein Werk, von dem „viele Komponisten in der Musikgeschichte, nicht nur Brahms und Beethoven, genau eines geschrieben haben – einen Solitär eben”. Und so musste Jörg Widmann zwei Jahre zusätzliche Wartezeit für sich akzeptieren, denn „manchmal brauchen Motive, Klänge, Ideen diesen Echoraum, um ihre endgültige Gestalt "nden zu können”. Das Konzert wuchs und reifte wie eine Frucht, die nicht zu früh gepflückt werden darf, und die Ernte wird umso reichhaltiger ausfallen. „Ich habe heute den Eindruck, das Violinkonzert versammelt gleich eine Menge Früchte, darunter auch gefährlich süsse, ich kann aus dem Vollen schöpfen. Selten hatte ich einen Stapel Notenpapier auf meinem Schreibtisch, der solch eine Fülle an Ideen enthält. Aus dem Material könnte man drei Konzerte machen.”
Das Violinkonzert ist nun nicht nur angewachsen in Richtung Brahms-Beethoven-Format, es ist auch anders geworden. Anders, als Widmann noch vor zwei Jahren ein solches Solokonzert komponiert hätte, wie er sagt. „In jedem meiner Instrumentalkonzerte ging es bisher es um Extreme, um das ‚ad absurdum’ oder das ‚wie eine Zitrone Auspressen’, wie mein hochverehrter Kollege Helmut Lachenmann es benennen würde. Die Frage, was ein Solokonzert ist, hat bei mir oft zu diesen exzessiven Ausformungen geführt. Hier, beim Violinkonzert, wird es jetzt ganz anders: Es ist ein leichter, lose geknüpft scheinender Gestus, etwas Gelöstes, wie ich es so nicht von mir kannte. Das bloße ‚ad absurdum’-Führen wäre mir heute viel zu zwanghaft.”

Und so spricht Widmann von „Liebesduetten”, die ein Horn mit der Solo-Violine anstimmt, spricht von Andantino-Tempi, wo es ihm früher nicht rasend schnell genug sein konnte, vom schwärmerischen Tonfall und vom Amabile-Charakter seines Konzerts. Und von der tiefen G-Saite, deren Zauber der Komponist, für den früher die Violine vor allem hoch und brillant klingen musste, jetzt erst zu schätzen gelernt hat. Einen Namen wird das Kind übrigens nicht bekommen, das lehnt der in Freiburg lebende Münchener vehement ab. „Violinkonzert! Was alleine in diesem Wort schon mitschwingt, übt einen so süssen, verführerischen Duft auf mich aus.”

Ob Jörg Widmann hier plötzlich seine romantische Seite entdeckt hat? Nun, meint der 34-Jährige, vielleicht habe das mit dem Lebensalter zu tun. „Man ist nicht mehr 27.” Es reize ihn mittlerweile einfach mehr, „nicht nur schwarz oder weiß zu sagen und ja oder nein, plus oder minus. Vielmehr zu versuchen, im Langsamen das Bewegte zum Thema zu machen und im Bewegten den ‚sostenuto’-Charakter zu finden. Das kann viel extremer sein als das bloße Ausschöpfen der Extreme.”


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Texte zum Programm: Stefan Schickhaus

 

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