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20 Tage lang mit gleichaltrigen chinesischen Musikstudenten zu musizieren und die Freizeit gemeinsam zu verbringen, nur eine Woche Zeit, um zwei anspruchsvolle Konzertprogramme zu erarbeiten und dann gute elf Tage in China sechs Konzerte auf einer anstrengenden Tour zu bestreiten: Eine gute Möglichkeit, das Land und seine Einwohner etwas kennenzulernen und Vorurteile abzubauen oder zu bestätigen!

Wie kennen wir denn die Asiaten an unseren Hochschulen? Fleißig, selbstbeherrscht, nach Perfektion strebend, sorgfältig bis adrett gekleidet, bei jeder Antwort höflich lächelnd und meistens mit ihresgleichen unterwegs. Viele trifft man leider nicht bei den gewöhnlichen Abendtätigkeiten der sonstigen Musikstudenten und auch das Interesse an Deutschland, der Sprache, der kulinarischen Kultur ist nicht bei allen gleich stark augeprägt – so wirkt es. Dass die Chinesen eher den konservativeren Teil unserer Kommilitonen aus dem fernen Osten bilden, ist allgemeiner Konsens. Etwas anders konnten wir dann unsere Pultnachbarn aus Shanghai erleben. Unter Freunden und von ihrer Orchesterorganisation gut behütet, waren sie auf dem Kurzbesuch in Deutschland doch lebendiger, offener und mehr um Austausch bemüht, als ich ihnen zugetraut hätte. Wie sie an den gemeinsamen Abenden nach den Konzerten oder beim Kickerturnier klatschend, winkend und kreischend aus sich heraus gekommen sind, aber auch, dass die chinesische Organisation allem Anschein nach ziemlich chaotisch sein kann, hat mich – zum einen positiv, zum andern negativ – überrascht. Es ist für mich verständlich, dass unsere Kollegen wegen mangelnder Orchestererfahrung aufgrund ihres auf Solokarriere ausgelegten Systems Werke wie Beethovens VII. und Brahms I. Symphonienicht kennen, aber dass sie die Noten erst am Vortag erhalten und völlig unvorbereitet ein auf künstlerisch möglichst hohes Niveau ausgerichtetes Projekt antreten, passt eigentlich mit dem Bild des perfektionistischen Asiaten nicht zusammen. Und so haben wir die ersten Tage mit Stricheintragungen und Notenlesen verbracht… Dazu muss jedoch gesagt werden, dass unsere Freunde in den Bläserreihen nach dem ersten doch etwas erschreckenden Eindruck, den sie musikalisch gemacht haben, ziemlich schnell und gut umgesetzt haben, was sie von uns lernen konnten. Denn ohne Dozentenprobe mussten wir uns selbst helfen.

Doch wie gehe ich damit um, wenn ein eindeutiger Niveauunterschied zu meinem Kollegen besteht? Ist es legitim, den gleichaltrigen chinesischen Musikstudenten, der zurückhaltend nie einen Verbesserungsvorschlag macht, ständig zu belehren, nur weil er eine andere, vielleicht uns fremde Herangehens- oder Interpretationsweise hat? Da war Sensibilität gefragt, um herauszufinden, wie viel man sagen konnte, um nicht arrogant zu wirken, welche Bemerkungen aber andererseits wirklich nötig waren, um das Bestmögliche herauszuholen. Dass die Chinesen von sich aus von uns lernen wollten, wie man „unsere“ Musik spielt, vereinfachte jedoch das Problem.

Und dann kam China!
Während ich diese Zeilen schreibe, sind einige deutsche Kollegen wohl immer noch damit beschäftigt, ihren Magen zu beruhigen. Es war auch wirklich aufregend, was wir unserem Verdauungstrakt zugemutet haben. Die ersten zwei Tage noch alles neugierig ausprobierend (es war wirklich lecker!), merkte man mit der Zeit jedoch, dass ständig warmes Frühstück mit schlechtem Kaffee, Schweinefüße an Lotusknolle und Konsorten uns dauerhaft nicht so bekamen und Käsebrot und Kartoffeln das Beste auf der Welt sind! Einfacher Reis ab undzu hätte auch schon gereicht, da der aber etwas für arme Leute ist, war er in unseren Hotels kaum zu finden.

Woran man sich hingegen etwas leichter gewöhnen konnte war der Straßenverkehr, der dem Prinzip von Selbstorganisation durch Chaos folgte (im Taxi anschnallen und bei Rot stehen bleiben erntet Gelächter). Ganz fremd war es für uns, ständig angestarrt zu werden, als wäre man aus dem Zoo ausgebrochen, und dass die Kolleginnen sich in der Damengarderobe vor Schüchternheit im Schrank umgezogen haben, sich in der Öffentlichkeit aber in den kürzesten Hotpants zeigten… Überhaupt keine Probleme bereitete die Gewöhnung an die Cent-Preise für Essen, Trinken, Hotelservice, Massagen und Taxifahren und das Handeln auf den Fake-Märkten und an den Souvenir- Ständen (von 20 auf zwei Euro – auf welchem deutschen Flohmarkt würde das gehen?). 
Die beeindruckendste Stadt war für mich das schnelle, im Vergleich saubere und recht westliche Shanghai mit der unecht wirkenden atemberaubenden Skyline. Doch nicht nur den dortigen 420 Meter hohen Jin Mao-Tower, die Chinesische Mauer und die Forbidden City in Peking fotografierten wir aus unzähligen Objektiven, sondern überall, wo unsere „Reisegruppe“ auftauchte, ähnelten wir mit den 40 Digicams den asiatischen Touristengrüppchen hierzulande.

Was ich von der Tour ins Reich der Mitte neben unzähligen beeindruckenden Erfahrungen also mit nach Hause bringe, ist ein größeres Verständnis für die asiatischen Kommilitonen, die sich hier allein und fernab von ihren Sitten und Gebräuchen durchschlagen müssen und die uns Deutsche, unsere Architektur, unsere Geschichte und unsere Lebensweise wohl genauso fremd und seltsam finden wie wir die ihrige.
Und eben dort sollte dieser Campus eigentlich ansetzen: Musiker solch gegensätzlicher Kulturen zusammenzuführen und ihnen die Plattform zu geben, sich auf musikalischer und menschlicher Ebene auszutauschen und voneinander zu lernen. Ich denke, dass bei der Vielzahl unterschiedlichster Erwartungen, die von Veranstaltern, Politik und Sponsoren an das Projekt gestellt wurden, die musikalischen Ansprüche ein wenig zu kurz kamen. Es blieb letztlich zu wenig Zeit und Ruhe, sich musikalisch aufeinander einzulassen und kennenzulernen. Die Folge waren unzureichend vorbereitete, inhomogene Konzerte und ein von diesem Experiment enttäuschter deutscher Orchesterpart. Mich haben das Reich der Mitte und die Chinesen mit ihrer Lebensweise neugierig auf mehr gemacht und ich würde wieder mit Freude an so einem Projekt teilnehmen, wenn der eigentliche Fokus nicht aus den Augen verloren wird und schon im Vorfeld alles dafür getan wird, ein künstlerisch hohes Niveau als klares Ziel zu sehen.


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Ingrid Hutter
(Fagott, Vorstand JDPh)

 

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