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Die Situation kennt jeder angehende Orchestermusiker: Wochen – gar monatelang hat man geübt, sich vorbereitet, Unterricht um Unterricht damit verbracht alles nur auf dieses eine Ziel hin: das Probespiel. Meist schon Tage vorher beginnt diese unangenehme Nervosität: das flaue Gefühl im Magen, schlaflose Nächte... Probespiele stellen eine unnatürliche Situation dar. In extrem kurzer Zeit soll man fehlerfrei, klangschön und musikalisch einwandfrei sein Können zeigen, quasi Musikmachen auf Knopfdruck. Das Probespiel ist jedoch immer noch die einzige Möglichkeit vielen Musikern die gleiche Chance auf eine Stelle zu geben.

Auch bei der Jungen Deutschen Philharmonie ist das nicht anders. Die JDPh sieht sich als wichtige Ausbildungsinstanz für Musikstudenten auf dem Weg ins Profi-Orchester. Nicht nur im Orchester, sondern auch schon beim Probespiel sollen die Bewerber die Möglichkeit haben, die Realität kennen zu lernen.

In der ersten Runde, welche hinter einem Vorhang stattfindet, spielen die Kandidaten einen Ausschnitt eines gängigen Konzerts. Die Jury sieht nicht, wer gerade spielt und der Kandidat wird nicht abgelenkt. Die Besten werden in die zweite Runde gelassen, in der es keinen Vorhang mehr gibt und Orchesterstellen gespielt werden. In einer weiteren letzten Runde spielen die Bewerber zusammen mit Mitgliedern der JDPh Kammermusik. Diese Runde bietet den Vorteil, schnell feststellen zu können, wie gut sich jemand in eine Gruppe einfügt. Im Gegensatz zu Profi-Orchestern, die meist nur eine Stelle vergeben können, haben wir den Vorteil je nach Bedarf mehrere geeignete Spieler aufnehmen zu können.

Noch gut erinnere ich mich an mein erstes Probespiel bei der JDPH. Damals war ich im dritten Semester. Mit der Bahn ging es dann früh morgens von Essen nach Frankfurt. Was mich dort erwartete, war ein einziges Klarinetten-Gedudel. Mindestens 20 Klarinetten auf einmal. „Bei aller Liebe! Das ist zuviel“, dachte ich. Dieser Versuch blieb dann auch ohne Erfolg. Viel zu nervös und der Situation nicht gewachsen, spielte ich unter meinem Niveau. Enttäuscht fuhr ich nach Hause. Für mich stand fest: „Da geh ich nie wieder hin!“ Zwei Jahre später entschloss ich mich dann doch wieder zum JDPh-Probespiel zu fahren. Um einige Erfahrungen reicher, besser vorbereitet und etwas sicherer kam ich wieder in der Schwedlerstrasse an. Nervös war ich, doch wusste ich, was mich erwartet. Mir fiel auf, wie angenehm die Atmosphäre im Gegensatz zu anderen Probespielen war - und siehe da: Diesmal klappte es.

Jetzt sitze ich auf der anderen Seite des Vorhangs, aber leichter ist es da auch nicht. Man fiebert und leidet regelrecht mit und muss am Ende eine Entscheidung treffen, wohl wissend, damit andere zu enttäuschen. Deswegen halte ich es für elementar wichtig, sich immer wieder in die Situation der Vorspielenden hinein zu versetzen. Jedem, der das Probespiel nicht gleich beim ersten Anlauf schafft, rate ich, es so oft wie möglich zu versuchen und es als eine Art Übung zu sehen. In Profi-Orchestern ist so etwas nicht möglich: Wer es mehrmals nicht schafft, über die erste Runde hinauszukommen, der wird nicht mehr eingeladen. Bei uns kann jeder kommen, so oft er will!

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Raphael Schenkel
(Klarinette, Vorstand der JDPh)

 

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