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Die einzige Probe, die keine Generalprobe war, war die Generalprobe. So oder ähnlich könnte der –ich gebe zu- etwas polemisch anmutende Leitsatz eines Arbeitsphasenberichts der Neujahrsarbeitsphase 07/08 der JDPh in Bad Homburg lauten. Oder, wenn ich mich, wie einer meiner Vorgänger, eines typischen Zitates des Dirigenten bedienen wollte, so könnte ich als Schlüsselwort „Bravi“ vorschlagen, das wir innerhalb so kurzer Zeit wohl nie wieder so oft hören werden. Auch fände ein Zitat Pintschers seine Eignung „Da war viel Schönes dabei!“.

Doch all diese Versuche sind unpassend.
Ich möchte eine Geschichte erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass ich meilenweit vorbeischreibe an meiner Aufgabe. Eine Geschichte von einem Mann auf der Suche nach der wahren Liebe. Von einem Mann, dem zu Unrecht vorgeworfen wird, sein einziges Anliegen und sein Antrieb zum Leben wäre die Quantifizierung sexueller Motivationen. Einem Mann, der erkannt hat, dass die Ewigkeit nur in der Unzeitlichkeit zu finden ist, sondern nur im Hier und Jetzt. Der im Augenblick lebt, weil nur hier sich dem Menschen die größte Schau offenbart: Die bedingungslose Liebe, die wahrhaftige Musik. Ich möchte erzählen von Don Juan.

Viele mögen es für einen unglücklichen Zufall halten, dass sich mit der Absage des Dirigenten Sir Neville Marriner auch das Programm ändern musste.

Und ich kann mir denken, für einen Geiger gibt es eine angenehmere Vorstellung, als Don Juan annähernd vom Blatt zu spielen! Zwei Dinge bedauere auch ich: Dass mir die Möglichkeit entging, solch einen Dirigenten kennenzulernen und dass ich in den letzten Tagen des Jahres nun nicht die feine Musik der Sea Interludes aus Benjamin Brittens’ „Peter Grimes" zu Ohren bekam.

Doch der Zufall barg Chancen. Ich behaupte, es gibt keinen Ort, an dem Don Juan es mehr genießt, zum Klingen gebracht zu werden, als in einem Jugendorchester. Denn hier wird er lebendig. Als die Oberbürgermeisterin von Frankfurt noch einige von uns an der Pforte der Alten Oper sitzen sah, geschafft vom Konzert und der DVD Vor- und Nachproduktion und nicht zuletzt auch geschafft vom vergangenen Silvesterabend, sagte sie gerührt zu uns in ihrer sonoren Politiker-Stimme: „Es ist so eine schöne Sache, hier in Frankfurt ein so frisches und spritziges Orchester im Programm zu haben. Es war ein Genuss, Ihnen zuzuhören und zuzusehen!“

Und nichts anderes meinte sie! Hier wird Don Juan wiederbelebt. Es beginnt am ersten Tag: Man betritt die Jugendherberge und taucht ein in eine andere Welt. Und eine Welt, von der man spürt, dass sie unwiederbringlich ist. Man lässt sich unverbindlich auf neue Leute ein, geht Beziehungen ein mit fremden Menschen, ohne daran zu denken, wie es weitergeht, ohne daran zu denken, dass das Jahr und damit auch die Arbeitsphase zu Ende geht.

Aber wie auf der Arbeitsphase so war Don Juan lange nicht alles im Programm.
Die Idee Julia Fischers, sowohl Camille Saint-Saëns’ Violinkonzert als auch Edvard Griegs Klavierkonzert zu spielen wurde anfangs vielleicht von einigen auch als donjuanistischer Übermut empfunden, doch belehrte sie uns schnell eines Besseren. Mit solch einer virtuosen und technisch versierten Musikerin zusammenzuarbeiten ist ein wahres Erlebnis. Und die Korrespondenz zwischen ihr und der Konzertmeisterin gab dem Orchester eine unsagbare Sicherheit im Zusammenspiel mit der Solistin. Während Fischer als Geigerin atemberaubende Klänge produzierte, dachte wohl, als sie sich ans Klavier setzte und die ersten Akkorde vom Grieg anschlug, der ein oder andere wehmütig an Pierre-Laurent Aimard zurück, der in derselben Turnhalle auf dem schon älteren Flügel Töne holte, die geradezu die Zeit still stehen ließen. Aber unter uns gesagt: Ich will Aimard nicht an der Geige hören. Das eher zufällig so entstandene Programm entpuppte sich jedoch erst mit dem Rosenkavalier zu der großen zum Leben erweckten Statue des Komturs, die selbst ihren Erwecker – in diesem Fall den Dirigenten Matthias Pintscher – mühelos in den Schatten stellte. Dirigentisch eher blass aber auf unglaublich sympathische und positive Weise versuchte er von Anfang an, den Walzer in Zaum zu halten. Erst nach einigen Durchläufen(!) fanden wir eine Art, diesen Walzer, gemeinsam zu tanzen. Gut gespielt löst er mit seiner Einfachheit alle donjuanistischen Verwirrungen auf. 

Und so wirkte dieser von zwei so verschiedenen Strauss-Kompositionen gesetzte Rahmen des Programms wie ein Rahmen, der auf wundersame Weise auch das Bild der Arbeitsphase fasst:

Nach der Zeit des anfänglichen, unverbindlichen Kennenlernens neuer und Wiedersehens alter Gesichter, manchmal sogar des Kennenlernens alter und Wiedersehens neuer Gesichter, nach den zunehmenden Intensivierungen der Beziehungen waren alle alkoholischen und anderweitigen Eskapaden spätestens am Morgen des 2. Januars aufgelöst, als alle am Bus standen. Man nahm sich in den Arm, zum letzen mal auf den Arm. Man verabschiedete sich, freut sich auf das nächste Wiedersehen oder auch nicht. Manche kennen sich nun, die sich nicht kannten. Und vielleicht sagte sogar der eine oder die andere - wie Sophie am Ende der Oper Rosenkavalier zu ihrem Octavian: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, / daß wir zwei beieinander sein, / beieinand’ für alle Zeit / und Ewigkeit!“.

Die Musik ist eine große Offenbarung. Wenn sie erklingt, verliert alles andere an Bedeutung. Alles verschwindet in ihr und alles wird aus ihr geboren. Doch sie ist flüchtig und scheu. Deswegen sollten wir uns dankbar und glücklich über das Geschenk im Klaren sein, dass wir sie zumindest für einige Tage ein wenig bändigen können und die Möglichkeit haben, sie von so Nahem zu bewundern. Und hat man die Größe dieses Geschenkes begriffen, so versteht man auch Don Juan, den unerbittlich Suchenden nach wahrhaftigem Glück.

Vielleicht ist das nur meine ganz private Geschichte. Aber ich musste sie erzählen. Nicht als Arbeitsphasenbericht, sondern als Erinnerung an ein tolles Orchester.


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Philipp Kohnke (Schlagzeug)

 

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