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Tung-Chieh Chuang, womit beschäftigen Sie sich gerade?
— Ich bin am Flughafen. Gestern Abend (am 29. September 2016) gab ich mein Debüt mit dem Turku Philharmonic Orchestra. Wir spielten Bernsteins Candide-Ouvertüre, John Williams’ Tubakonzert (mit dem ersten Tubisten Nicolas Indermühle als Solisten) und Beethovens Eroica. Jetzt warte ich auf meinen Flug nach Doha, um dort das Qatar Philharmonic zu dirigieren, mit Rimski-Korsakows Scheherazade und der Aladdin-Suite von Carl Nielsen – ein sehr inspirierender Ort für ein solches Programm. Wir proben für eine zweiwöchige Tournee durch China. Es ist das erste Mal, dass das Qatar Philharmonic in diesem Land auftritt.

Seit 2015 leben Sie in Berlin ...
— Ja, bevor ich nach Berlin umgezogen bin, studierte ich in Weimar. Das Leben in den beiden Städten ist sehr verschieden. Die meisten Konzerte gebe ich in Europa, da liegt Berlin als Ausgangspunkt für meine Reisen geografisch günstig. Außerdem ist Berlin eine einzigartige und sehr dynamische Stadt, ein Ort mit hoher Lebensqualität und sehr viel Kultur. Hier gastieren regelmäßig weltweit renommierte Musiker. Wenn man will, kann man sich als Dirigent eine Unmenge von Proben anhören.

Sie reisen zwischen den Kulturen, zwischen West, Mittlerem Osten und Asien. Hier wie dort wird ja europäische Klassik gespielt. Welche Unterschiede lassen sich zwischen den dortigen Orchestern und Publika feststellen?
— Sowohl die Orchester als auch das Publikum sind von Region zu Region absolut verschieden. Musik hören und aufführen ist eine der intimsten und persönlichsten menschlichen Erfahrungen. Mit anderen Worten: Man trifft auf natürliche und unverstellte Persönlichkeiten, die durch ihre Geschichte, Religion, Tradition und Kultur in der Aufführung geformt wurden. Betrachten wir diese Unterschiede als Blumenvielfalt, dann sind Dirigenten die Bienen, die diese Vielfalt nicht nur genießen, sondern auch die Gedanken weitertragen. Ich schätze den Beruf des Dirigenten sehr, diese unglaublichen Möglichkeiten, verschiedene Kulturen kennenzulernen: Das öffnet mir einen klaren Blick auf die Kraft der klassischen Musik und meine Rolle darin. Man darf aber auch nicht zu sehr generalisieren, wozu wir natürlich tendieren, indem wir alles in Kategorien einordnen. Man kann es vergleichen mit dem Schließen einer neuen Freundschaft: Etwas über den Hintergrund der Person zu wissen, ist sicher hilfreich. Aber man sollte keine übereilten Schlüsse ziehen. Das Individuelle kennenzulernen ist eine sehr viel schönere Reise. So ist das auch mit Orchestern und Publikum.

Wie bereiten Sie sich auf die nächsten Schritte in Ihrer Karriere als Dirigent vor?
— Das Großartige an der musikalischen Kunst ist nicht einfach das, was wir sehen oder hören, sondern die Botschaft hinter den Noten. Das heißt, nicht der Schwierigkeitsgrad bestimmt die historische Bedeutung eines musikalischen Werks. Es gibt unendlich viele Gründe, warum ein Musikstück höher eingeschätzt wird als ein anderes. Aber wir müssen auch bedenken, dass es keine Musik gibt ohne vorausgehende Inspiration. Selbst die größte Musik beruht auf anderer Musik, manchmal sogar von einem anderen Komponisten. Deshalb ist es für mich als Dirigenten nicht wichtig, Musik nach rationalen Kriterien zu bewerten. Denn ich glaube, dass jede Musik ihren Platz in einer unendlichen, großen Musikgeschichte hat. Der Strom der Musik fließt nicht nur in eine Richtung, ohne die kleinste Abzweigung. Mit anderen Worten: Es ist besser, das mit einer gewissen Distanz zu betrachten und herauszufinden, wie jedes einzelne Stück in das große Bild passt, statt die Stücke isoliert zu beurteilen.

Wie ist Ihr Verhältnis zur zeitgenössischen Musik? Und gibt es außerhalb Europas ein großes Interesse an der Neuen Musik?
— Diese Frage wird oft gestellt, und sie ist wichtig. Ich wiederhole meine beiden vorherigen Antworten: Erstens ist die musikalische Sprache eines der größten Geschenke der Menschheit, das unsere Geschichte repräsentiert, und zweitens hat jede Musik ihren Wert, will man Musik in ihrer Gesamtheit verstehen, wie wir sie heute vorfinden. Aus diesen beiden Antworten wird auch die Bedeutung der Zeit-genössischen Musik klar. Komponiert von Menschen mit ähnlichem Lebensstil, vielleicht derselben Kultur, Religion usw., hören wir diese Musik mit denselben Ohren, mit demselben historischen Kontext. Zeitgenössische Musik ist unsere Stimme in der unendlichen, großen Musikgeschichte. Und eine eigene Stimme zu haben ist sehr wichtig. Erfreulicherweise empfand dies das Publikum an den Orten, an denen ich bisher war, ähnlich. Die Leute sind neugierig und offen, manche fühlen sich ihr noch enger verbunden, wenn sie eine direkte Verbindung mit ihrer heutigen Welt herstellen können.
 
Wie wichtig sind Wettbewerbe für junge Musikerinnen und Musiker, ob nun Instrumentalisten, Sänger oder Dirigenten, und für unsere Gesellschaft?
— Das ist eine sehr schwierige Frage. Aus rein künstlerischer Perspektive betrachtet, können Wettbewerbe – offen gestanden – Musikern auch schaden. Die musikalische Kunst ist sehr zeitraubend und erklärtermaßen höchst subjektiv. Und Aufführungen können unter einem fälschlichen Wettbewerbsdruck oder wegen der vorgegebenen Regeln missraten.
Andererseits beginnen viele Karrieren junger, international renommierter Musiker, wenn sie einen Wettbewerb gewonnen haben. In den letzten Jahrzehnten haben die Wettbewerbe enorme Talente in das Musikleben eingebracht. Auch wenn wir diese Tatsache meist nicht benennen, wurden die Karrieren vieler großer Namen, die wir heute kennen, durch Wettbewerbsgewinne initiiert. Ich denke, dass Wettbewerbe tatsächlich nur ein erster kleiner Schritt einer lebenslangen musikalischen Reise sind. Dennoch wird unser Musikleben mit oder ohne Wettbewerbe überleben, denn sie sind nur ein Weg, Talente zu entdecken. Sie sind nur ein erster Schritt auf dem Weg zu musikalischer Exzellenz.
 
Sie dirigieren zum ersten Mal die Junge Deutsche Philharmonie. Was wissen Sie bereits über diesen besonderen „Klang-Körper“ der Musikstudierenden?
— Mit einigen Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie habe ich Anfang Oktober 2015 in der Alten Oper Frankfurt Dieter Schnebels Beethoven-Sinfonie (1985) für Kammerensemble aufgeführt, das ganze Orchester habe ich aber noch nicht dirigiert. Ich freue mich sehr, mit ihm zu arbeiten. Nicht nur, weil es einige der besten jungen Talente versammelt, sondern auch, weil die Musikerinnen und Musiker flexibel, offen und leidenschaftlich sind. Ich glaube, es gibt kaum Grenzen in dem, was das Orchester erreichen kann.
 
Mögen Sie einiges zum Konzertprogramm sagen, zu den Werken von Benjamin Britten, Francis Poulenc, Ottorino Respighi und Bruno Mantovani?
— Das sind alles beliebte, sehr bekannte Stücke. Dennoch würde ich gerne eine neue Perspektive auf das Programm öffnen. Dafür, dass die Kompositionen von Poulenc, Britten und Respighi zwischen den beiden Weltkriegen entstanden sind – in einer Zeit, als die Menschen extremes Chaos erlebten und ihren Glauben verloren –, besitzen sie enorme Strukturen, Liebe und Hoffnung. Auch wenn man sie mit zeitgenössischen Stücken kombiniert wie Bruno Mantovanis Time Stretch (on Gesualdo). Dieses Werk, beauftragt von den Bamberger Symphonikern, dem Partnerorchester der Jungen Deutschen Philharmonie, und ihrem Ersten Dirigenten und Künstlerischen Berater Jonathan Nott gewidmet, scheint geradezu eine enge Verbindung zur Idee der Jungen Deutschen Philharmonie zu haben. Mantovani sagt selbst zu seiner Komposition: „Das Stück ist eine ständige Suche nach Energie, radikalen Kontrasten, ständigen Übergängen zwischen widerstreitenden Episoden, doch wird dieser Diskurs geeint durch die Omnipräsenz rhythmischer Zyklen, von Pulsen, die eine Art innerer, im Grunde rhapsodischer Ordnung bilden.“ Damit ist Time Stretch den drei Zwischenkriegsmusiken wiederum sehr verwandt. Die Beziehung des Programms zur Jungen Deutschen Philhar-monie wie die Verwandtschaft der Werke untereinander sind nicht nur eine passende, sondern eine wünschenswerte Programmgestaltung.
 
Wie bereiten Sie die Proben für dieses Programm vor, und worauf legen Sie bei Ihren Interpretationen besonderes Ohrenmerk?
— Dieses Programm ist gerade das, was wir heute brauchen. Wir leben in einer Zeit zunehmenden Chaos. Menschen verlieren das Vertrauen in- und zueinander. Sie wenden sich gegeneinander, viele Leben werden geopfert. Und doch finden wir in schlechten Zeiten auch viel Liebe und Großzügigkeit, was Hoffnung gibt. Das wird bei den Proben unser Fokus sein, die Struktur, Liebe und Hoffnung zu vermitteln, die wir heute brauchen.

 

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Stefan Fricke
Redakteur für Neue Musik / Klangkunst beim Hessischen Rundfunk (hr2-Kultur)

 

Biografie
Tung-Chieh Chuang ist der gefeierte Gewinner des Internationalen Malko-Wettbewerbs 2015 in Kopenhagen. Mit Bravour konnte sich der 34-jährige Dirigent aus Taiwan in einem großen Feld von Bewerbern behaupten und diesen prestigeträchtigen Preis erringen. Zuvor hatte Chuang bereits einen 2. Preis sowie den Publikumspreis beim Solti-Wettbewerb in Frankfurt gewonnen, ein 1. Preis wurde nicht vergeben. Außerdem ist er Preisträger des Gustav Mahler Wettbewerbs in Bamberg und der International Conducting Competition Jeunesses Musicales in Bukarest.

 

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