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Die Arbeitsphase des 1822-Neujahrskonzerts in der Alten Oper hielt viel Außergewöhnliches bereit. Die zeitliche Lage der Phase ist allein schon speziell und reizvoll. Sie verbindet zwei besondere Termine miteinander – Weihnachten und Neujahr!

Um genau zu sein, beginnt die Arbeitsphase aber schon vor den Proben. Ihr voraus gehen viele Informationen des Büros, himmelblaue, manchmal minzgrüne Wunschzettel und die wichtigste Mail von allen – die mit der Besetzungsliste. Die Spannung ist gleichzusetzen mit der Vorfreude auf Weihnachten. Die E-Mail ist im Posteingang, die Liste wird geöffnet, und ... sie verspricht eine tolle Woche! Um es vorwegzunehmen – sie war eine der schönsten, die ich je hatte!

Schon das Programm war sensationell gewählt: Daphnis et Chloé als Hauptwerk, also Opernliteratur im Symphonieorchester konzertant gespielt, im zweiten Teil Meditations von Bernstein und Harlem von Ellington.

Daphnis et Chloé schlug mit seinen ruhigen, tragenden und dann wiederum rhythmisch komplexen Teilen einen perfekten Bogen zu Meditations von Bernstein. Diese drei kurzen Sätze aus der Mass waren die perfekte Fortsetzung nach der Pause. Man kann die Musik in den Sätzen schwer beschreiben. Es bewegt sich viel auf der Ebene der Klangfarbenkomposition. Im Schlagwerk mit Rahmentrommeln, Fingercymbals geschickt und raffiniert instrumentiert, gebettet in einen tragenden Streicherteppich. Ergänzt wurden diese drei Sätze durch die großartige Cellistin Sol Gabetta – ein absoluter Traum! Und schließlich Harlem, ein durch und durch jazzig komponiertes klassisches Stück. Duke Ellington, einer der prägendsten Männer der Jazzgeschichte, hatte hier ein Werk für klassisches Orchester geschrieben. Nicht ganz klassisch, da das Orchester durch Saxofone, Leadtrompeter und hervortretende Solisten ergänzt wurde. Das Stück bietet einen kleinen Überblick über die Jazzgeschichte: Swing, Latin, Up-Time Jazz und ein New Orleans Funeral March sind enthalten. Vielleicht ein Stück, das in der Programmvorbereitung und in der Probenzeit ein wenig mehr Beachtung hätte bekommen dürfen. Jazz besteht eben aus mehr als nur triolisch gespielten Achteln. Auch ich musste das schmerzlich erfahren. Das Endergebnis konnte sich allerdings dann doch sehen lassen.

Es begann wie immer mit den Gruppenproben. Das heißt, erst mal sehen, was neben mir so los ist. Für uns Schlagzeuger sehr interessant – gerade in Daphnis et Chloé, welches mit neun Schlagzeugern am stärksten besetze Werk im Programm war. Auch für mich das Werk mit dem höchsten Konzentrationsaufwand. Unzählige Taktwechsel, Klangfarben, Stimmungseindrücke, rasante Tempi in ungeraden Taktarten. Daphnis et Chloé fordert den ganzen Musiker. Wenn man bedenkt: Es ist Ballettmusik! In der Oper ist das „nur“ die Untermahlung zum Tanz.

Die Gruppenproben sorgten bei mir für reichlich Adrenalin. Der Blechbläserdozent nahm mich für Harlem gleich komplett in Anspruch. Für die Gruppe sei das besser, wenn der Drumsetspieler gleich mit dabei wäre. Da saß ich also. Selbst noch nicht ganz über dem Stück stehend, in einem überakustischen Raum, mit einem nahezu kompletten Saxofonsatz... und diese Jungs wussten was es heißt, Jazz zu spielen!

Die erste Tuttiprobe war nicht weniger interessant. Kristjan Järvi betrat den Raum, und ein Schmunzeln ging durchs Orchester. Das Gerücht eines dirigierenden John Travolta hatte sich bestätigt. Kristjan Järvi sieht dem Schauspieler extrem ähnlich. Auch seine Bewegungen beim Dirigieren – - man könnte fast meinen, er hätte sich das ein oder andere bei
seinem berühmten Doppelgänger abgeschaut. Besonders bei Ravels Daphnis et Chloé. Die sanften Bewegungen Järvis ergänzen diese weiche Musik perfekt. Welcher Musiker erinnert sich nicht gerne an Järvis Tanzeinlage beim Streichereinsatz im 7/4-Teil zurück.

Trotzdem verlor sein Schlag nie an Präzision. Er verlor auch nie den Kontakt zum Orchester. Es gab in der ganzen Woche keinen einzigen Moment, in dem ich mich unwohl gefühlt hätte, seinem Schlag zu folgen. Genauso war auch sein komplettes Probenkonzept. Am Ende hatte ich das Gefühl, jede kostbare Minute in dieser kurzen Probenzeit war hundertprozentig für das Weiterkommen in der Musik genutzt worden und nichts war vergeudet. Für mich ein absolutes Highlight der Dirigentenwelt! Schlagpräzision, klare Vorstellung der Musik, ein unglaublich netter Mensch und die Fähigkeit, ein junges Orchester wie die Junge Deutsche Philharmonie stets aufs Neue zu motivieren.

Eine Arbeitsphase besteht aber aus mehr als nur der Probenzeit. Das Freizeitprogramm ließ, wie immer, keine Wünsche offen: Das Kickerturnier, die Besuche in der Therme Bad Homburg, ein DVD-Abend mit dem Film zur letzten Sommertournee, einem Clip vom ersten FREISPIEL und dem Neujahrskonzert vom 01.01.2008 – es war immer was los. Da verging die Zeit wie im (nahezu „walkürenhaften“) Fluge. Es gab natürlich auch noch etwas zu feiern: Silvester! Die zwei Köche der Jugendherberge, die schon im siebten Jahr beim Jahreswechsel dabei sind, zauberten wieder ein Traummenü. Der bunte Abend im Anschluss war wie immer auf Topniveau! Ob Bratschenklänge, Irishfolk oder Bigbandsound. Der Jahreswechsel mit der Jungen Deutschen Philharmonie ist wohl einer meiner absoluten Höhepunkte im Jahr. Die vielen tollen Leute und eine stets große Zahl an Gästen macht diesen Abend zu etwas ganz Besonderem. Das musikalische Feuerwerk ist dabei wohl der sich immer wieder aufs Neue übertreffende, Dudelsack spielende Bühnenmanager Thomas! Die Dudelsackklänge an diesem Abend sind sozusagen der Triangelschlag am Ende einer Flötenphrase.

Am nächsten Morgen fällt das Aufstehen dann nicht ganz leicht. Aberspätestens wenn man den Saal der Alten Oper betritt und weiß, er wird restlos ausverkauft sein, wandelt sich das gewisse Stressgefühl am Neujahrsmorgen in Spielfreude! Dementsprechend war das Konzert. Mit Järvis Betreten der Bühne saß jeder auf der Stuhlkante. Den Beginn von Daphnis et Chloé kann man hier nicht beschreiben, man hat ihn selbst erleben müssen. Nahezu mühelos führte Järvi das Orchester und den Chor durch dieses Werk.

Die Energie und Spannung des Orchesters und des Dirigenten fielen nach der Pause in keinster Weise ab. Mit Meditations und einer unfassbar elegant und atemberaubend spielenden Sol Gabetta wurde der Saal in die meditativen Sphären der Musik Bernsteins entführt. Unter uns gesagt, mein persönlicher „Solist“ war Alexej. So, wie er Rahmentrommel spielte, und seine Bewegungen dazu: Wer hat sich da wohl was von John Travolta abgeschaut!?

Mit Harlem endete der offizielle Teil des Konzerts und begann der inoffizielle: das (Unterhaltungs-)Programm, das an Neujahr nicht fehlen darf. Eine vergleichbare „Bühnenshow“, wie sie Kristjan Järvi bei Harlem und den Zugaben zeigte, findet man zur Zeit wahrscheinlich nur noch bei Gustavo Dudamel. Das Orchester hatte einfach nur Spaß! Das Publikum dankte dem Orchester schon die Leistung. Wobei das absolut gelungene Konzert mit dem nicht wieder erscheinenden Dirigenten und mit dem im Nichts verlaufenden Perpetuum Mobile von Johann Strauss endete!

Das Konzert ist vorbei?! Man kann die Eindrücke noch gar nicht wirklich greifen. Diese eine Woche war viel zu schnell vorüber. Der Abschied fällt nach so einer kurzen, aber intensiven Zeit immer schwer. Viele Leute wird man auf Arbeitsphasen wiedersehen, einige nicht. Zu einigen wird
der Kontakt nie abreißen, zu manch anderen wird er sich (leider) in geringerem Maße halten. Manche fehlen mir schon jetzt. Aber zu diesem Thema schrieb schon jemand, zu dem der Kontakt zum Glück nie abgerissen ist – Philipp Kohnke. Ich möchte meinen persönlichen Bericht zur Neujahrsarbeitsphase auf die gleiche Weise wie er mit einem Zitat aus
Rosenkavalier beenden:
„Dass Sie mir wiederkommt! Ich geh’ nicht eher fort!“

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Tibor Hettich / Schlagzeug

Danksagung

Wir danken dem Sponsor des 1822-Neujahrskonzertes:
1822-Stiftung der Frankfurter Sparkasse

Preseecho:

Stimmen zum 1822-Neujahrskonzert 2009:

„Wenn das neue Jahr so schmissig und flott weitergeht, wie dieses Konzert endete, dann wird es ein gutes Jahr. Der Este Kristjan Järvi hat das Orchester angefeuert, ja das Temperament hat ihn bald selber gesprengt. Kein Wunder, dass die jungen Leute darauf besonders intensiv reagieren,
zumal der präzise, stimmklare und rhythmusgewohnte Konzertchor Darmstadt (Einstudierung Wolfgang Seeliger) und die höchst sensible Argentinierin Sol Gabetta zur Seite standen.“
(Frankfurter Neue Presse / 02.01.2009)

„Seiner ‚Mass‘ (1971/72) hat Leonard Bernstein ‚Three Meditations‘ entnommen und für den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch bearbeitet, der die Stücke sehr liebte. Seine junge Kollegin Sol Gabetta nahm sich dieser kontrastreichen, mitunter jazzigen Musik liebevoll an, teils jugendlich-stürmisch, teils mit wundervoller Kantilene. Orchester und Solistin feuerten einander an. Im letzten Satz kontrapunktierten die raffinierten Zuckungen des Cellos
die ruhige Orchestermelodie wie Versuchungen des Teufels.“
(Offenbach Post / 03.01.2009)

„Viel Beifall gab es zurecht für Ellingtons elegante Melange aus vifen Streichern und jazzigem Blech und den ausgelassenen Ausflug der Percussionisten in die kubanische Musik. Auch ein Kristjan Järvi kann zwar aus nüchternen Schlagwerkern keine Mambokönige machen, aber das Orchester spielte so elegant, wie es jemand, der den berühmten Namen Ellington trägt, nur erwarten kann: Der Duke wäre hochzufrieden gewesen mit dieser beschwingt und quirlig dargebotenen Hommage an die Heimstatt des Jazz.“
(Frankfurter Rundschau / 03.01.2009)

„Bald rissen die jungen Musiker des in Frankfurt ansässigen Auswahlorchesters aber auch in diese Klangwelt hinein: mit kräftigen ‚Bluenotes‘ des Solotrompeters und am Ende mit einer ausgiebigen, fetzigen Percussionseinlage der exzellenten Schlagzeuger. Kristjan Järvis Showtalent blühte dann mit den Zugaben voll und ganz auf.“
(Frankfurter Allgemeine Zeitung / 02.01.2009)

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