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Auf eine ungewöhnliche Zeitreise lädt sie ein, die Sommertournee der Jungen Deutschen Philharmonie mit Dirigentin Susann Mälkki, Trompeter Marco Blaauw und Klarinettist Alain Damiens. Mit sieben ganz unterschiedlichen Werken präsentiert das Orchester sieben Komponisten aus verschiedenen Epochen, von denen jeder eine ganz besondere Rolle für seine Zeit spielt.
Vergangenheit (Erinnertes) – Gegenwart (Jetzt) – Zukunft (Erwartetes): Die drei Schichten bilden eine zeitübergreifende Einheit, formen eine Kugelgestalt. Das wahrlich komplexe Phänomen der Zeit kann man so begreifen, der Kölner Komponist Bernd Alois Zimmermann hat es so verstanden.
Seine Konsequenz war das ästhetische Programm einer pluralistischen Musik. Auch das aktuelle Musikleben präsentiert sich als Clash der Zeiten. Alte Musik aus nahezu allen Epochen prägt den ästhetischen Klangalltag ebenso wie nicht ganz so alte, junge, neueste Musik, die mit ihrem Pluralismus mithin in die Zukunft weist und die zugleich morgen selbst dem Ohrenarchiv angehört. Ton- wie Klangkünstlern ist das Wissen um die Geschichte(n) der Musik sowie das Leben damit und darin von größter Wichtigkeit. Und so treten die Werke von einst und jetzt in spannende Dialoge, sie verweisen aufeinander, sie bestätigen sich gegenseitig, verneinen sich oder reden aneinander vorbei. 
Unser stetig wachsendes Ohrenarchiv ist riesig und vielseitig, kennt gleichzeitig Repertoire wie Rares. Gerade Orchestermusiker sind immer auch Zeitreisende. Eben noch waren sie Botschafter der Klassik, dann des musikalischen Impressionismus, Realismus und Neoklassizismus, um nun in neuere Klangsprachen zu wechseln, um Konzepten der Improvisation, Spielweisen des Jazz, mikrotonal- polyphonen Orchestergesängen zu ihrer Wirklichkeit zu verhelfen. Synchrone Vielfalt ist auch das programmatische Motto der aktuellen Sommertournee der Jungen Deutschen Philharmonie. Ein sinfonisches Meisterwerk der Klassik trifft auf herausragende Kompositionen des 20. Jahrhunderts und ein Orchesterstück aus dem Jahr 2009, ein Auftragswerk der Jungen Deutschen Philharmonie. Soeben wurde es unter dem Titel Markt von dem in Berlin lebenden Komponisten Enno Poppe, Jahrgang 1969, fertiggestellt – seine ästhetischen Konzepte lassen musikalische Fragen unserer Zeit anschaulich innovative Klang-Zeit werden. Die finnische Dirigentin und Spezialistin für Neue Musik, Susanna Mälkki, wird die Werke mit dem Orchester erarbeiten. Ihre Vielseitigkeit und ihr breites Repertoire brachten sie bereits mit vielen berühmten Orchestern und Kammerensembles zusammen, so trat sie u. a. mit den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra und dem Orchestre Philharmonique de Radio France auf und leitet das Ensemble Intercontemporain.

Jazz mit Boulez und Zimmermann


Von Boulez, dem berühmten Dirigenten, Komponisten und unermüdlichen Kombattanten der musikalischen Moderne, erklingen auf dieser Tournee gleich zwei Werke. Das eine, das zugleich ältere wie jüngere der beiden, ist eine Bearbeitung des skurrilen Klavierstücks Frontispice, das Maurice Ravel 1918 für fünf Hände an zwei Pianofortes notierte. 1987 hat Boulez das nur fünfzehn Takte umfassende Werk mit seinen dem Wasser und dem Feuer nachempfundenen Spielfiguren, der zitierten baskischen Volksmelodie und den eingestreuten Vogelrufimitaten für großes Ensemble instrumentiert und dieser Miniatur eine nahezu filmische Dimension verliehen. Das andere Boulez-Werk, im europäischen Revoltejahr 1968 komponiert, heißt Domaines und setzt eine außergewöhnlich intensive Kooperation der Interpreten voraus. Denn vor der Aufführung von Domaines für Solo-Klarinette und 21 Instrumente müssen die Beteiligten gemeinsam die Abfolge verschiedener Abschnitte und deren musikalische Gestaltung festlegen. So entsteht eine für die Aufführung gültige Form, die aber von Realisation zu Realisation variiert werden kann. Wir dürfen also gespannt sein, welche Dramaturgie der Solist und seine Mitspieler bevorzugen, welche Hörweisen sie den mobilen Boulez’schen Domaines schenken, die teils sogar an die halsbrecherischen akustischen Gebiete des Free Jazz erinnern. Der französische Solist Alain Damiens ist Klarinettist beim Ensemble Intercontemporain und gibt Meisterkurse in der ganzen Welt – seine umfangreichen Erfahrungen mit Boulez-Werken lassen diese Aufführung besonders spannend werden.
Ganz konkret artikulieren sich typische Klang- und Gestaltungselemente des Jazz dann im Trompetenkonzert Nobody knows de trouble I see von Bernd Alois Zimmermann. Sie verschmelzen mit Aspekten der arrivierten Kunstmusik und dem bekannten, titelgebenden Negrospiritual, der das 1954 entstandene Werk zusammenhält. 
Auf engem Raum begegnen sich hier konzertanter Jazz, thematische Zwölftönigkeit und Pentatonik mit ihren sozial-ästhetischen Orten, um als gleichberechtigt miteinander Verwobenes einen, so Zimmermann, „Weg der brüderlichen Verbindung zu zeigen“. Ein Weg, ein Thema, das gesellschaftlich bis heute relevant geblieben ist, dessen kompositorische und interpretatorische Behandlung sich aber immens weiterentwickelt hat. Die damals stilistisch scharf voneinander getrennten Sphären – dort Jazz, hier Kunstmusik – sind weitgehend überwunden; der Solist dieses Konzertes, der Trompeter Marco Blaauw, beherrscht beide Idiome perfekt. Etliche Werke sind eigens für ihn geschrieben bzw. von ihm angeregt worden, darunter Kompositionen von Peter Eötvös, Richard Ayres und Isabel Mundry. Stete Weiterentwicklung heißt das Motiv des Trompeters.

Tradition und Aufbruch bei Schostakowitsch, Hindemith und Haydn


Und noch ein Trompetensignal. Nun symbolisiert es allerdings weniger die Vision einer besseren Zukunft als vielmehr „das Leben und die Wirklichkeit“. Dieses widerzuspiegeln versuchte Dmitri Schostakowitsch nach eigener Aussage in seiner 1. Sinfonie, die im Mai 1926 in Leningrad uraufgeführt wurde. Mit diesem Werk, seiner Diplomarbeit, begann Schostakowitsch seine Karriere als Komponist und überdies ein neues Kapitel im Buch der Sinfonien, von dem man geglaubt hatte, es sei mit Gustav Mahlers Neunter etliche Jahre zuvor geschlossen worden. Mit seiner Atemlosigkeit, Grimmigkeit und Heiterkeit, mit seinem Pathos und Triumph, seiner kompositorisch geschickten Setzung der Elemente war Schostakowitschs Erstling bei der Premiere ein riesiger Erfolg. Auch als Bruno Walter, Leopold Stokowski und Artur Rodzinski das Werk in den kommenden Jahren in Berlin, in Philadelphia bzw. in New York aufführten, war das Publikum begeistert. 
Die publizistische Kritik reagierte indes recht zurückhaltend, doch solche Querstände gab und gibt es seit eh und je. Die Themen „Hier irrte die Kritik“ oder „Presse versus Publikum“ würden manch eigenes Buch beanspruchen. Jedenfalls ist Schostakowitschs 1. Sinfonie bis heute ein Publikumsliebling, und unter seinen 14 danach geschriebenen Sinfonien findet sich noch manch weiterer. Auch die Sinfonie Mathis der Maler von Paul Hindemith gehört seit der Uraufführung in Berlin 1934 zu den Konzertsaalfavoriten des Publikums. Parallel zu seiner Oper Mathis der Maler entstanden, die anhand der historischen Figur des Renaissance-Malers Matthias Grünewald das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft in schwierigen Zeiten thematisiert, fokussiert die Sinfonie Grünewalds berühmten Isenheimer Altar in Colmar von 1515. Dessen Motive – Engelkonzert, Grablegung, die Versuchung des heiligen Antonius – übersetzt Hindemith in eine klangsymbolische, betont farbige, zudem eingängige, bisweilen archaische Musiksprache, in die auch vielfach altdeutsche Liedweisen und liturgische Gesänge integriert sind. Hindemith, der ehemals radikale Neutöner, suchte in jenen Jahren nach neuen musikalischen Ausdrucksmitteln, die sich zu zentralen Eckpunkten der Tradition bekennen, der Gegenwart ebenso verpflichtet sind und sich überdies beim Hören prompt erschließen. 
Mit Mathis der Maler ist Hindemith dies gelungen, und er schuf einen Bezugspunkt für die bis heute währende Diskussion von Publikumsnähe und -ferne der neueren Musik.
Die musikästhetischen Positionen des 20. Jahrhunderts sind weit gefächert. Keinesfalls, das zeigt das aktuelle Programm der Jungen Deutschen Philharmonie deutlich, folgen sie nur einem Erzählstrang. Vielmehr ist und war in den vergangenen 100 Jahren sehr viel mehr möglich und für die einzelnen Komponisten essentiell wichtig, als so manches Musikbuch uns weismachen möchte. Die Zeiten und die in ihr geborenen Ideen, so scheint es, überlappten sich stets. Als der eine einen mutigen Vorstoß wagte, blieb der andere womöglich auf der Stelle stehen und wandte sich um, entdeckte in der Rückschau den entscheidenden Impuls und ging dann in anderer Richtung weiter. Feststellungen wie „Dieser wunderbare Mann enttäuscht uns nie“ sind wahrlich selten und selten wahr. Den Satz konnte man indes am 15. April 1795 im Londoner „Morning Chronicle“ lesen. Der Gemeinte war Joseph Haydn, dessen Sinfonie Nr. 104 kurz zuvor in London uraufgeführt worden war. In ihr, seiner letzten, zeigt sich die Summe der Haydn’schen Kunst der Sinfonie. In ihr kulminieren die fantastischen Reisen des Entdeckers und leidenschaftlichen Erfinders von Klängen, Strukturen und Formaten. 
Seine 104., das älteste Werk im Sommerprogramm der Jungen Deutschen Philharmonie, ist Auftakt und Ansporn zu weiteren Expeditionen. Die mannigfachen Landschaften der musikalischen Welt von einst, jetzt und morgen bilden einen lebendigen Organismus. In ihm wohnt, wer hört, neugierig zuhört und staunt.

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Stefan Fricke / Redakteur für Neue Musik bei hr2-kultur, 1989 Mitbegründer des Pfau-Verlags Saarbrücken, seit 2000 im Vorstand der Deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik tätig, veröffentlichte zahlreiche Texte zur zeitgenössischen Musik, darunter „Musik mit Ei. Ein Guckheft über Fluxus und anderes“ sowie als Orientierungshilfe (zusammen mit Lydia Jeschke) den „SWR2 Kompass Neue Musik“.


Alle Konzertdaten und Details zur Sommertournee 2009 finden Sie hier!

Sehen Sie auch unseren Video-Cast mit spannenden Einblicken in die Probenphase der Sommertournee 2009!

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