VISION@JDPH hieß der Kongress, den das Orchester im Juli 2007 ins Leben rief. Im Dachsaal der Schwedlerstraße in Frankfurt am Main trafen sich Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie mit Fachleuten aus dem Orchesterbetrieb, einigen Kuratoren und dem Büroteam. Gemeinsam wollten sie eruieren, inwiefern sich der Betrieb veränderte, welche neuen Anforderungen an die Musikerausbildung daraus resultierten und mit welchen Strategien man darauf am besten reagieren sollte. Gemeinsam sollte eine Marschroute für die Zukunft des Orchesters entwickelt werden, eine gemeinsame Vision. Kontroverse Gespräche und kritische Fragen waren vorprogrammiert. Nach einigen kurzen Vorträgen verschiedener Fachleute – unter anderem kam der Vorsitzende der Deutschen Orchestervereinigung Gerald Mertens und der damalige Geschäftsführer des niederländischen Jugendorchesters Arthur van Dijk zu Wort – ging es direkt in die Diskussion.
„Es werden immer mehr Orchester zusammengelegt, viele gar geschlossen, die Musiker müssen sich klar machen, dass es lange nicht für jeden eine Stelle gibt“, konstatierte Gerald Mertens. „Wir Musiker wollen nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden“, sagte Ronith Mues, damals im Vorstand des Orchesters. „Wir müssen uns zusätzliche Kompetenzen aneignen, uns hier einbringen, dann ist es auch unser Orchester!“

Gewappnet sein für ein weites Feld

Nach dem ersten Kongresstag war man sich in keiner Weise einig, welchen Weg man gemeinsam beschließen könnte. Nicht etwa, weil die Ansätze zu different waren, sondern weil es schlicht zu viele Ideen gab für innovative Konzepte und noch unklar war, wie man diese in einer klaren Strategie zusammenbringen könnte. In einer zunächst kritisch angenommenen Gruppenarbeit entstanden dann Zukunftsbilder, die vielschichtig und inspirierend waren. Und was sich erst als unübersichtliche Zahl von Ideen darstellte, zeigte sich schließlich als Kern der Herausforderung: Der Musikerberuf und die Orchesterszene würden immer komplexer werden, es würde bald darauf ankommen, flexibel auf verschiedenste neue Anforderungen zu reagieren, gewappnet zu sein für ein weites Feld. Alle waren sich einig, dass viele zusätzliche Kompetenzen vermittelt werden müssten, um die Musiker auf diese Zukunft vorzubereiten. Außerdem wollte man aktiv an der weiteren Qualitätssteigerung des Klangkörpers arbeiten und sich für eine noch größere Anerkennung in Deutschland und im Ausland engagieren. Gerade weil mehrere neue Ziele verfolgt werden sollten, war allen Beteiligten wichtig, die Kräfte und Aktivitäten zu fokussieren. Alles zukünftige Handeln sollte die Junge Deutsche Philharmonie ihrer Vision näher bringen. In Leitlinien wurden konkrete Ziele formuliert, die das Ausbildungsangebot, die Organisationsform und die künstlerische Wirkung betreffen. Nach der VISION@JDPH wurde ein Mission Statement formuliert, das weiterhin als Kompass dient (siehe Seite 10).

Außermusikalische Kompetenzen ausbilden

Ein gemeinsamer Weg wurde nun von Vorstand, Kuratorium, Programmausschuss, Geschäftsführung und allen Mitgliedern beschritten. Hand in Hand wurde die Organisationsstruktur pragmatisch und konstruktiv überdacht. Dies bedeutete vor allem, dass Kompetenzen der Vollversammlung, des Vorstands und der Geschäftsführung neu definiert wurden. Einerseits hatte sich das Orchester in 30 Jahren stark professionalisiert, andererseits behinderten demokratische Prozesse eine zeitgemäße Arbeit. Eine weitere Innovation war der Projekttag, bei dem alle Musiker in verschiedenen Arbeitsgruppen an der Entwicklung ihres Orchesters beteiligt werden. Gleichzeitig bilden die Musiker in den Workshops zu Dramaturgie, Werkanalyse, Orchesterstruktur, Karriereplanung außermusikalische Kompetenzen aus, schauen über den Tellerrand und werden auf eine vielfältige Orchesterszene vorbereitet. Gerade ist der 5. Projekttag, welcher während der Arbeitsphase „frei, aber einsam“ im März 2010 stattfinden wird, in Vorbereitung. Bis heute prägt die Vision einer perfekten Organisationsstruktur die Planung: Führung und Organisation ist auch im musizierenden Orchester ein wichtiger, allerdings oft auch vernachlässigter Punkt. Um dem entgegenzuwirken, findet im Frühjahr 2010 erstmals ein spezielles Stimmführertraining statt. Hierbei sollen Kniffe und Tricks beim Führen der Streichergruppen vermittelt werden, die Stimmführer sollen sich klanglich und musikalisch zusammenfinden, um so Einheit und Qualität noch weiter zu verbessern.
Die neu gewonnene Corporate Identity sollte aber kein Geheimnis bleiben: Auch nach außen wollte die Junge Deutsche Philharmonie ihre Idee von Bewegung, Leidenschaft und Mut kommunizieren. Ein neues Logo, ein neues Magazin – ja, ein ganz neues Corporate Design waren das Ergebnis. Vor gut einem Jahr ging die neu gestaltete Website www.jdph.de online. Heute hat das Orchester eigene Kanäle bei vimeo und youtube, auf denen die Video-Casts laufen. So bleibt das Publikum auch zwischen den Konzerten live dabei.

Musikalisch neue Wege und interaktive Ideen

Auch die musikalischen Schwerpunkte sind neu geordnet. Im Frühjahr geht das Orchester nun stets mit renommierten Dirigenten auf Tournee und widmet sich den Meilensteinen der Musikgeschichte: Lawrence Foster mit der Alpensinfonie 2009, Sir Roger Norrington mit der 3. Sinfonie von Johannes Brahms 2010 und Andrey Boreyko mit Bartóks Der wunderbare Mandarin 2011. Im Sommer werden dagegen hervorragende Spezialisten für neues Repertoire eingeladen: George Benjamin zum 100. Geburtstag von Olivier Messiaen 2008, Susanna Mälkki für ein Programm mit Werken von Poppe, Boulez, Zimmermann 2009 und Peter Rundel für Schönberg und Furrer 2010.
FREISPIEL ist seit 2008 eine weitere Innovation der Jungen Deutschen Philharmonie. Passend zum Thema der Tournee „100 Jahre Olivier Messiaen“ entwickelte das Orchester gemeinsam mit zwei Medien- Künstlern ein Konzept mit Musik und Aktionen an verschiedenen Orten in Frankfurt am Main. „FREISPIEL 2008: Olivier Messiaen“ war für Mitwirkende und Publikum ein erfolgreiches interaktives Erlebnis, bei dem man mit anderen Künsten und Institutionen kooperierte und Messiaens Werk so in allen Facetten erleben konnte. Für 2010 wurde bereits bei einem Projekttag und mehreren Folgeworkshops ein Konzept mit dem Titel „FREISPIEL 2010: Klang-Raum-Wien“ erdacht.
Dem nicht genug, will die Junge Deutsche Philharmonie in Zukunft noch einen „klassischen“ Akzent setzen. Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten ...
Ein zentrales Anliegen bleibt die Aufführung von neuen Werken. Um die klassische Musik aktiv weiterzuentwickeln, vergibt die Junge Deutsche Philharmonie, von 2009 an jährlich, einen Kompositionsauftrag. Gerade war Markt von Enno Poppe zu hören, im nächsten Jahr steht ein Werk von Beat Furrer auf dem Programm. Dies ist allein durch die Unterstützung des Kuratoriums der Jungen Deutschen Philharmonie möglich, ebenso wie die Produktion einer CD-Reihe. So dokumentiert die Junge Deutsche Philharmonie musikalische Zeitgeschichte und ihr eigenes Können. Die erste CD mit Werken von Poppe, Hindemith und Zimmermann erscheint am 1.12.2009 und ist ab 11.12.2009 auch bei iTunes zu erwerben.
Neben all diesen künstlerischen und organisatorischen Novitäten gab die Junge Deutsche Philharmonie seit 2007 69 Konzerte. Dazu gehören Sinfonie-Konzerte im bekannten Format genauso wie Konzerte in Kooperation mit anderen Klangkörpern, Kammermusikkonzerte, Musik an neuen Orten und Oper. Da die Kommunikation mit dem Publikum – insbesondere mit jungen Konzertbesuchern – heute selbstverständlich zum Musikerberuf gehört, stehen auch Schülerworkshops, Schüler- und Gesprächskonzerte auf dem Programm. Die Junge Deutsche Philharmonie war bei zahlreichen Festivals präsent, wie dem MITO Settembre Musica, Festival van Vlaanderen, Ruhrtriennale, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Auftakt Frankfurt und dem Heidelberger Frühling. Sie spielte Konzerte in China, den USA, Spanien, Portugal, Italien, Belgien, Israel und Palästina und natürlich in Deutschland, dabei oft mit Unterstützung des Auswärtigen Amts oder des Goethe Institutes.
35 Jahre liegen hinter uns – unendlich viele liegen vor uns! Bleiben Sie dabei, wir freuen uns auf Sie.

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Annika Glose / seit 2006 Geschäftsführerin der
Jungen Deutschen Philharmonie

Mission Statement

Die Junge Deutsche Philharmonie ist eine Ausbildungsstätte

Sie bietet angehenden Berufsmusikern eine wichtige Ergänzung zum Hochschulstudium. Die Studenten erhalten eine qualifizierte Orchesterpraxis in Zusammenarbeit mit den renommiertesten Dirigenten, Solisten und Dozenten. Darüber hinaus entwickeln sie in verschiedenen Fachgremien und Themen-Workshops außermusikalische Kompetenzen, die in ihrem zukünftigen Berufsleben essentiell sein werden. Die Junge Deutsche Philharmonie kooperiert mit Profiorchestern, Hochschulen und Experten verschiedener Fachgebiete.

Die Junge Deutsche Philharmonie ist ein hervorragender Klangkörper

Sie spielt Konzerte auf höchstem Niveau. Denn hier sind die besten Nachwuchsmusiker Deutschlands versammelt. Ein strenges Auswahlverfahren garantiert eine dauerhaft hohe Qualität. Ehemalige Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie sind in den Reihen aller großen Profi- Orchester zu finden.

Die Junge Deutsche Philharmonie ist Kulturbotschafterin

Sie repräsentiert die Bundesrepublik im Ausland und begeistert mit anspruchsvollen, neuartigen Musikerlebnissen immer mehr und insbesondere junge Menschen für klassische Musik. Partnerschaften mit Bildungsinstituten und anderen Künstlern bieten hier Innovationspotential.

Die Junge Deutsche Philharmonie ist künstlerische Vorreiterin

Die Programmatik des Orchesters folgt stets einer klaren Linie. Sie reflektiert dabei entweder eine aktuelle gesellschaftsrelevante Thematik, sucht formal neue Wege oder präsentiert einen zeitgenössischen Komponisten auf konzeptuell einzigartige Weise. Wir erhalten die klassische Musik nicht nur als wertvolles Kulturgut, sondern entwickeln sie ständig weiter.

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