neuentdeckungen bannerSchon der Beginn der Sommerarbeitsphase 2009 war ungewöhnlich: Für 21 Musiker begannen die Proben bereits einen Tag früher als für den Rest des Orchesters. Grund dafür waren die Domaines von Pierre Boulez, die für Soloklarinette und sechs Instrumentalgruppen komponiert sind und schon vor den Gruppenproben erarbeitet werden sollten. Für mich war es die erste Arbeitsphase als Solobassist, und als ich zu Hause neugierig den Umschlag mit den vorab gesendeten Noten öffnete, stellte ich fest, dass ich sowohl in den Domaines als auch im Auftragswerk Markt von Enno Poppe einiges zu tun bekommen würde. Auch der Probenort war neu: Vom Hauptbahnhof Ulm fuhr der Bus, an Bord 21 gespannte Musiker, Richtung Blaubeuren. Und dann wurden die Straßen enger, die Häuser weniger und die Luft frischer, bis wir uns auf dem Gelände eines Tagungszentrums wiederfanden, umgeben von Wald, Wiesen und Natur.
Bei den Domaines war ich als Kontrabassist Teil eines Duettes mit dem Marimbaphon, um uns gruppierten sich ein Posaunenquartett, ein Trio aus Oboe, Horn und Gitarre und weitere kammermusikalische Gruppen. Da die Reihenfolge der einzelnen Werkteile von den Interpreten vor jeder Aufführung neu festgelegt werden kann, hatte niemand von uns das Werk schon einmal in der jetzt geplanten Fassung gehört. Unter der Anleitung von Jean-Michaël Lavoie, der unter anderem mit dem Ensemble Intercontemporain musiziert, nahm das Stück jedoch schnell konkrete Formen an.

Die Ereignisse des Werks genau platzieren

Am nächsten Tag kam der andere Teil der Besetzung an, und es ging in die Gruppenproben für Haydns 104. Sinfonie, Mathis der Maler von Hindemith sowie das Trompetenkonzert Nobody knows de trouble I see von Bernd Alois Zimmermann. Besonders neugierig war ich persönlich auf das Werk Markt, das Enno Poppe im Auftrag der JDPh komponiert hatte und das in Köln seine Welturaufführung erleben sollte. Am Abend nach den Gruppenproben war es soweit: Die große Besetzung traf sich zur ersten Tuttiprobe mit dem unbekannten Werk, und jeder Musiker suchte sich im Laufe der Probe seinen Platz in diesem diffizilen Stück. Da in manchen Teilen des Werkes jeder einzelne Musiker eine eigene Stimme auszuführen hatte, erforderte es sowohl solistische als auch kammermusikalische Fähigkeiten, die kleinen Ereignisse haargenau zu platzieren. Besonders beschäftigt waren die Schlagzeuger, die zwischen Gongs, Trommeln und Klangplatten hin und her wirbelten und eine ganz besondere Klangwelt entstehen ließen.

Mentales Training und böhmische Polka zum Entspannen

Und dann wurden es immer mehr Menschen: Als nächstes erschienen die Dozentinnen für die erstmals angebotene „Ausgleichszeit“, die dieses Mal den Projekttag ersetzte und neben der musikalischen Arbeit durchgeführt wurde. Dabei wurden „Mentales Training“ angeboten und praxisbezogene Übungen gegen Haltungsschäden sowie Auftrittstraining, also Probleme, die unserem täglichen Alltag als Musiker entstammen. Nach den über den Tag verteilten Proben nutzten wir die Abendstunden, um uns in den Kursen zu entspannen. Die idyllische Lage des Tagungszentrums bot zudem vielfältige Möglichkeiten wie Fußball spielen, joggen, wandern oder einfach nur auf der Wiese liegen und die Spätsommersonne genießen. Die Abgeschiedenheit führte allerdings auch dazu, dass diejenigen, die mit dem eigenen Auto angereist waren, auf der Beliebtheitsskala sprunghaft nach oben wanderten und die Versorgung mit Süßwaren und anderen Genussmitteln nur zu Schwarzmarktpreisen zu gewährleisten war: Das nächste Geschäft war etwa eine Dreiviertelstunde zu Fuß vom Tagungszentrum entfernt. Der obligatorische „Bunte Abend“ fand diesmal schon früh statt, was dazu beitrug, dass sich alle bereits zu Beginn der Arbeitsphase besser kennenlernten – zumal die Party unter dem Motto „Speed-Dating“ stand. Wir Kontrabassisten ließen uns die traditionelle Auftrittsgelegenheit natürlich nicht nehmen, und servierten zum Bier vom Fass eine böhmische Polka für Kontrabassquintett.

Sämtliche Register zeitgenössischer Orchestermusik

Dann endlich kam die Dirigentin. Die Atmosphäre war von Anfang an sehr angenehm und herzlich, und schon nach kurzer Zeit hatten wir Susanna Mälkki ins Herz geschlossen! Nichtsdestotrotz wurde kritisch und detailversessen geprobt, um das große Programm in der Kürze der Zeit möglichst perfekt einzustudieren. Als besonders anspruchsvoll erwies sich das Trompetenkonzert von Zimmermann, das dem Orchester sämtliche Register von zeitgenössischer Orchestermusik bis jazzigem Bigband-Sound unter Einsatz einer Hammond-Orgel abverlangte und mit Marco Blaauw an der Trompete zu einem spritzigen Erlebnis wurde. An der Klarinette beeindruckte uns Alain Damiens, der den Solopart in den Domaines ausführte und zwischen den im Kreis angeordneten Instrumentalgruppen hin- und herwanderte und eine ganz besonders intensive Art des musikalischen Dialogs fand.
Es kam der Tag der Abreise, und wir fuhren in Richtung unseres ersten Tourneeortes Gütersloh. Doch auf der Autobahn gerieten wir in eine mehrstündige Vollsperrung, die zum Anlass für ein von Busscheinwerfern illuminiertes Blechbläser-Freiluftkonzert genommen wurde. Mit einigen Stunden Verspätung und nach einer nächtlichen Invasion eines Fast-Food- Restaurants kamen wir tief in der Nacht im Hotel an. Und so spielten wir nach einer sehr kurzen Nacht unser erstes Konzert der Sommertournee in der Stadthalle in Gütersloh, um am darauffolgenden Tag in der Kölner Philharmonie die Uraufführung von Markt zu absolvieren. Das Publikum nahm die neuen Klänge begeistert auf und spendete auch dem anwesenden Komponisten reichlich Beifall.

„Klasse, wie immer!“

Eine besondere Station war sicherlich das belgische Antwerpen, wo wir im sehr gut besuchten Saal des De Singel Kunstkampus auftraten und das Konzert zudem live im Rundfunk gesendet wurde. Dass der Moderator der Sendung dabei direkt im Saal hinter einem Regiepult saß und von dort aus gut hörbar durch die Sendung führte, machte das Konzert für uns um so spannender.
Von Belgien ging es weiter nach Fulda, wo sich erneute Proben anschlossen, da in Frankfurt und Berlin statt Mathis der Maler die 1. Sinfonie von Schostakowitsch gegeben werden sollte. Das Konzert in Frankfurt gelang uns dann scheinbar recht gut, da das Publikum konsequent zwischen den Sätzen applaudierte! Danach kam es wie so oft am Ende einer Arbeitsphase: Alles ging viel zu schnell. Mittags noch im Zug, abends das letzte Konzert im Konzerthaus Berlin, ein bejubelter Abschluss der Tournee, auf den ein schöner Empfang mit vielen besonderen Gästen folgte, anschließend ins Hotel und ein letztes Mal mit den neuen und alten Freunden feiern. Und am nächsten Morgen fuhr jeder wieder Richtung Heimat, einen großen Koffer schmutziger Wäsche im Schlepptau, ein bisschen müde, aber auch sehr glücklich. Und als ich zu Hause ankam und gefragt wurde: „Wie wars?“ antwortete ich nur: „Klasse, wie immer!“ – oder um es noch mal mit den Worten von Susanna Mälkki zu sagen: „Great! Thank you so much!“

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Thomas Bronkowski / Kontrabass

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