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Sie sind zurzeit Composer in Residence in Cleveland. Ihre Komposition Études-Tableaux wird dort demnächst uraufgeführt, und Sie waren bei den Proben dabei, aber Sie werden die Uraufführung nicht selbst dirigieren, sondern mit der Jungen Deutschen Philharmonie und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unterwegs sein.

– Das stimmt. Übrigens wurde meine Komposition Locke’s Theatre vor einem Jahr auch vom Cleveland Orchestra uraufgeführt, und ich habe die Uraufführung nicht selbst dirigiert.

Die spezielle Orchester-Tradition, die in der Jungen Deutschen Philharmonie ihren Ausgang genommen hat und auch bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen praktiziert wird, besteht nicht zuletzt darin, dass die Musiker Entscheidungen auf demokratischem Wege treffen – auch Entscheidungen über Repertoire und Dirigenten. Wie kam in Ihrem Fall die Entscheidung über das Repertoire zustande?

– Sie ist im Zuge einer längeren Diskussion entstanden. Es ist ein äußerst interessantes Programm, das ich mir so allein nicht ausgedacht hätte. Um auf so etwas zu kommen, muss man viel miteinander reden.

Der zeitliche Einzugsbereich, von Mozarts Hornkonzert über Janáček und Richard Strauss bis zu Ihrem Stück, das ein Jahr alt ist, ist sehr weit. Welche Verbindungslinien sehen Sie?

– Mein Stück basiert auf Musik aus dem 17. Jahrhundert, also der späten Renaissance. Es befasst sich mit Matthew Locke, einem Zeitgenossen und Lehrer Henry Purcells. Ich glaube, alle etwas verrückteren Dinge bei Purcell sind von Locke angeregt. Er war ein großartiger Komponist, leider kennt niemand seine Musik mehr, auch in England nicht. Er hat eine unglaublich dramatische Bühnenmusik für Shakespeares "Der Sturm“ geschrieben, die alle zeitgenössischen Regeln über Harmonie und Melodieführung verletzt. Die Musik hat eine enorme Direktheit, da gibt es nichts mehr zwischen der Idee und dem dramatischen Effekt. Das ist mir unter die Haut gegangen.

Es ist die Direktheit, die Sie fasziniert?

– Ja, ich denke immer darüber nach, wie ich meine eigene Musik direkter machen kann.

Welche Rolle spielt dieses Bestreben in dem Programm, das Sie mit der Jungen Deutschen Philharmonie und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen spielen?

– Es gibt zweimal so etwas wie ein Pasticcio. Darum gefällt es mir auch, dass wir die beiden Konzerthälften so strukturieren, dass am Ende jeweils Musik kommt, die etwas wieder aufnehmen will. Wir spielen in der ersten Hälfte Janáčeks Sinfonietta und danach Locke’s Theatre, nach der Pause Mozarts Hornkonzert KV 495 und die Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss. Strauss’ Verhältnis zu Mozart, seine Idee, auf dessen Einfachheit und klassischen Gestus zurückzukommen, wird da ganz offensichtlich. Die Rosenkavalier-Suite wirkt unter diesem Aspekt geradezu wie eine Verstärkung von Mozarts Hornkonzert. Janáčeks Musik kommt mir vor, als hätte sie vor allem anderen schon existiert. Sie ist wie ein Ur-Stück, ein Quell-Stück. Zugleich ist die Musik sehr lebendig und körperlich, geradezu athletisch. Ich freue mich sehr darauf. Man hat nicht oft die zwölf Trompeten, die man dafür braucht, beisammen. Das Stück klingt wie nichts Anderes und ist zugleich ziemlich kompliziert. Manchmal ist es, als müsse man eine neue Sprache lernen. Niemand hat für Saiteninstrumente so geschrieben wie Janáček. Es ist schwierig, das Orchester so zum Klingen zu bringen, wie es hier klingen muss. Man muss sehr vorsichtig und präzise sein bei der Probenarbeit, und man darf sich nicht davon erschrecken lassen, dass dieses Stück anders klingt als jede andere Orchestermusik.

Sie haben, wie Sie kürzlich in einem Interview sagten, als Dirigent eine starke Vorstellung davon, wie Musik klingen muss, auch Ihre eigene. Was Ihre eigene Musik anbelangt: Änderten sich diese Vorstellungen, zum Beispiel bei Locke’s Theatre, innerhalb des Jahres, das seit der Uraufführung vergangen ist?

– Das weiß ich noch nicht. Ich habe es in der Zwischenzeit nicht aufgeführt.

Verändern sich Ihre Klangvorstellungen mit dem Orchester, mit dem Sie gerade arbeiten?

– Natürlich. Jedes Orchester bringt etwas Neues, und das beeinflusst mich als Dirigent genau wie als Komponist. Als allgemeines Merkmal in meinem Umgang mit eigener Musik habe ich festgestellt, dass ich die Stücke mit der Zeit langsamer nehme. Ich achte stärker auf Details und frage mich, wo das Stück mehr Raum braucht und wie man den Weg, den die Musik zu ihrem Publikum zurücklegen muss, besser gestalten kann.

Wie eng ist der Zusammenhang zwischen Ihrer Arbeit als Komponist und Ihrer Arbeit als Dirigent?

– Alles Wichtige lerne ich beim Dirigieren. Zum Beispiel, wie unerlässlich es ist, diesen auch psychologisch komplexen Organismus eines Orchesters zu verstehen. Orchester sind etwas ganz und gar Individuelles. Jeder Klangkörper ist anders, darum klingen auch alle unterschiedlich. Je mehr man darüber lernt, desto komplexer wird es, aber jede Erfahrung fließt in die Art ein, wie ich schreibe. Wenn ich etwas für ein Ensemble oder ein Orchester schreiben soll, das ich noch nie gehört habe, kommen mir kaum Ideen, weil ich keinen Klang im Kopf habe.

Diesmal werden Sie sogar zwei Orchester auf einmal dirigieren, die sehr verschieden sind und zu einem Klangkörper verschmelzen: ein Studentenorchester, das aus hervorragenden jungen Musikern besteht, und ein erfahrenes Kammerorchester mit einer sehr profilierten Spielpraxis.

– Das ist interessant für mich, da bin ich sehr gespannt. Aber Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist, bei aller beeindruckenden Erfahrung, bestimmt nicht daran gewöhnt, so ein Repertoire zu spielen wie in unserem Projekt. Es ist also auch für sie interessant.

Paavo Järvi sagte einmal, dass ein Dirigent, wenn er mit einem unbekannten Orchester zusammentreffe, die Hälfte der Zeit damit beschäftigt sei, das Orchester zu beeindrucken. Und die andere Hälfte der Zeit versuche das Orchester, den Dirigenten zu beeindrucken. Wie werden Sie versuchen, das Orchester zu beeindrucken?
 
– (lacht) Paavo Järvi scherzt natürlich, er ist so ein großartiger Musiker, dass er niemanden mehr beeindrucken muss. Was mich anbelangt, muss ich sagen, dass ich die Idee, bei Null anzufangen, nicht besonders mag. Vor einem Orchester zu stehen, nichts von ihm zu wissen und innerhalb einer kurzen Zeit eine tragfähige Beziehung aufbauen zu müssen, das ist anstrengend. Aber wenn sich zeigt, dass wir eine gemeinsame Wellenlänge finden und die Zusammenarbeit gut funktioniert, dann ist das eine ganz wunderbare Erfahrung. Ansonsten bin ich gegenüber dem Orchester so, wie ich eben bin. Sich verstellen zu wollen, nützt niemandem. Gute Leute, gute Musiker durchschauen so etwas schnell.    

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Hans Jürgen Linke, Autor


Ryan Wigglesworth, geboren 1979 in Yorkshire, hat am New College, Oxford, und an der Guildhall School of Music and Drama studiert, war Dozent an der Cambridge University und gehört zu den profiliertesten Dirigenten und Komponisten seiner Generation. Er hat unter anderem mit führenden britischen Orchestern gearbeitet und für die English National Opera zahlreiche Aufführungen mit einem weiten stilistischen und historischen Einzugsbereich dirigiert. Zurzeit ist er Composer in Residence in Cleveland, Ohio. Im September 2015 wird er Erster Gastdirigent beim Hallé Orchestra, Manchester. Für 2017 ist die Uraufführung seiner Oper nach Shakespeares "A Winter’s Tale" geplant, eine Auftragskomposition der English National Opera.


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