FAP11 Boreyko BannerN 

Manchmal, so sagte Andrey Boreyko noch im inoffiziellen Teil dieses Gesprächs, "sei auch er Sklave seines Berufs. Schon einmal hat er die Junge Deutsche Philharmonie dirigiert, schon viel früher hätte er es gern wieder getan. Hätte er einen Wunsch frei, würde er vor allem mit Jugendorchestern arbeiten. Die längere Probezeit, die besondere Aufnahmebereitschaft junger Orchestermusiker, das erlaube es ihm, Stücke zu noch intensiverem Klingen zu bringen. Eine Qualität stelle sich dabei ein, die über jene auch der berühmtesten Orchester oftmals hinausreiche: „Das ist wie mit einem Fernglas. Du fokussierst, du erkennst ein Detail. Du nimmst dir die Zeit, du fokussierst noch genauer. Da erkennst du, dass in diesem Detail selbst noch weitere lauern.“ – Andrey Boreyko kam 1957 in Leningrad zur Welt. Er studierte dort Komposition, wechselte nach langer Erkrankung des Lehrers dann aber zum Dirigieren. Heute zählt er zu den gefragten Dirigenten der internationalen Konzertszene.


Herr Boreyko, wir sitzen hier, und draußen tobt der Schnee. Dieser Winter, erinnert er sie an die Stadt, die jetzt St. Petersburg heißt?
--Ach, wissen Sie, meine Mutter lebt dort. Leider sehe ich sie kaum. Ich habe nur noch unregelmäßigen Kontakt nach Russland.

Sie dirigieren überall auf der Welt. Bloß dort nicht.
--Das kommt so, weil ich inzwischen verwöhnt bin. Verwöhnt von der Arbeit mit westlichen Orchestern. Musiker in Russland haben es schwer. Fast alle müssen sie in drei, vier Orchestern gleichzeitig arbeiten. Sie hetzen von einer Probe zur nächsten, kommen deshalb notorisch zu spät und sind häufig ebenso notorisch unvorbereitet. Im Kampf ums Überleben bleibt ihnen kaum mehr die Zeit, noch an Musik zu denken.

Als St. Petersburg Leningrad hieß, war das noch anders?
--Wenn Eltern da sagten: „Mein Sohn spielt im Orchester!“, dann hörte man den Stolz in ihrem Tonfall. Wenn sie das heute sagen, meinen sie nur: „Er ist ein armer Schlucker – er verdient nichts, er hat keine Aussicht auf Karriere.“

Vielleicht war der Sozialismus doch besser.
--Die Politik jedenfalls hat seitdem versagt. Es ist nur noch Geld, was heute in Russland zählt, und fünf Prozent der Bevölkerung besitzen neunzig Prozent davon. Ich erkenne dieses Land nicht wieder. Wenn ich hinkomme, spüre ich, es ist nicht mehr meines.

In Ihren Programmen bleiben Sie Russland trotzdem verpflichtet, vor allem, was die zeitgenössische Musik anbelangt. Wie war das, während der 1970er-Jahre in Leningrad Komposition zu studieren?
--Es war zu wenig, was an Information von draußen durch den eisernen Vorhang drang.

Konnten Sie atonal schreiben?
--Ich hatte einen Studienkollegen, der sich schon mit achtzehn fest dafür entschieden hatte. Die Schwierigkeiten begannen in so einem Fall, wenn es darum ging, eigene Stücke aufgeführt zu sehen ...

Ein Freund der westlichen Avantgarde sind Sie selbst aber auch später nicht geworden.
--Das ist eine Schule, die Deutschland noch immer beherrscht. Es ist ein Weilchen her, dass das noch frisch und interessant war.

Deshalb widmen Sie sich Komponisten, die wieder tonal arbeiten.
--Jedenfalls gehöre ich nicht zu jenen, für die Atonalität ein Dogma ist.

In den Konzertprogrammen, die Sie gestalten, lebt unterdessen der Komponist Boreyko weiter. Ihre Zusammenstellungen, das sind ja selbst komponierte Kunstwerke.
--Ob das Kunst ist oder nicht – ich kann ein Programm nur dann dirigieren, wenn die Stücke für mich einen Zusammenhang ergeben. Oft fällt es mir dabei schwer zu erklären, warum und wie etwas zueinander passt. Aber es stimmt, ich feile da ausgiebig. Ich suche nach atmosphärischem Gleichgewicht.

Es geht doch aber auch einfacher. Man beginne mit einer Konzertouvertüre. Man füge hinzu irgendein Solokonzert. Man kröne das, wenn die Pause vorbei ist, mit einer Sinfonie – und man beschränke seine Wahl bei alldem auf die bekannteren Komponisten zwischen Mozart und Tschaikowsky.
--Ja. Nach dem Krieg hat sich das einmal so eingebürgert. Man kann aber vom Podium herab geradezu spüren, wie das Publikum, das solche Programme bevorzugt, mit jedem Tag weniger wird. Einfach, weil diese Menschen inzwischen so alt geworden sind. Was uns fehlt im Konzertsaal, das ist die Generation ihrer Kinder.

Die ist mit den Stones aufgewachsen und mit Jimi Hendrix. Sie kritisierte das Wertesystem der Alten. Und sie erfand für sich eine Gegenkultur.
--Weniger Probleme haben da heute die Enkel. Es ist nicht schwer, im Konzertsaal ein Alter zwischen zwanzig und fünfunddreißig auszumachen. Gerade die erreichen Sie aber kaum mit dieser früheren Art der Programmzusammenstellung.

Man könnte das böse ausdrücken: Die sind offener für Neues und Unbekanntes, weil ihnen inzwischen alles gleich neu und unbekannt ist.
--Solche Naivität macht sie vorurteilsloser!

Trotzdem hatte es auch seinen Vorteil, wenn Konzerte früher auf ein engeres Repertoire reduziert waren. So konnte Musik allgemeines Bildungsgut bleiben. Jeder kannte Beethovens Fünfte und jeder konnte mit fachsimpeln, welcher Dirigent sie beim letzten Mal besser dirigiert hatte. Das stiftete Gemeinsamkeit und kulturelle Identität. Orchester waren damals nicht in der Gefahr, einfach den Bach hinunterzugehen. Was sie spielen, gilt Politikern heute bloß als besondere Form von Entertainment, und zwar als eine, die zu wenig Leute erreicht, um in ihrem Kosten-Nutzen-Plan aufzugehen.
--Wie wollen Sie das rückgängig machen? Ich kann in dieser Situation nur darauf vertrauen, dass ein natürlicher Weg übrig bleibt, der Menschen zur Orchestermusik führt. Ich ging als Kind auf eine Schule, in der ich täglich Musikunterricht hatte. Wenn ich nach Hause kam, rannte ich aber nicht gleich zum Klavier, um Mozart zu spielen. Als ich keine Kinderlieder mehr hörte, hörte ich Pop, später Heavy Metal, noch später dann Art Rock, von dort hat es mich dann zum Jazz gezogen. Und erst nachdem ich selbst schon länger im klassischen Bereich arbeitete, bin ich mental wirklich ganz dort angekommen. Das ist ein Reife- und Geschmacksbildungsprozess, den jeder für sich gehen kann.

Sie vertrauen darauf, dass auch für das Schwierigere und deshalb Anspruchsvolle in der künftigen Welt noch Platz bleiben wird?
--Es gibt Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Mehrere Generationen sind inzwischen mit einer Musik im Song-Format aufgewachsen. Musik ist für sie etwas, das drei Minuten dauert. Spätestens nach fünfen haben sie das Bedürfnis, sich auszutauschen oder etwas anderes zu machen. Es fällt schwer, unter solchen Bedingungen die Konzentration aufzubringen, die man braucht, um den Satz einer Sinfonie durchzustehen. Aber warum nehmen wir nicht den ersten Satz aus Beethovens Fünfter und verbinden ihn mit bildlicher Umsetzung durch einen Videokünstler! Und sei es nur, um den Jüngeren zu beweisen, dass diese Musik nicht bloß die der Omas und Opas ist.

Sie glauben, Beethoven ist einer jüngeren Generation nur noch auf solche Weise nahezubringen?
--Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs. Es ist enorm schwer abzuschätzen, wohin sie zielt, schwer abzuschätzen, wohin sie sich bewegen wird. Unsere Arbeit steht in Konkurrenz mit neuen Medien. Wir können nicht mehr einfach so tun, als gäbe es die nicht, und es reicht ebenfalls nicht, diese Situation zu beklagen. So bleibe ich interessiert am Experimentieren und an der Erforschung neuer Formate …

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