Interview NottTreutler13 BannerNNico Treutler, Orchestervorstand der Jungen Deutschen Philharmonie, und Jonathan Nott, designierter Erster Dirigent und Künstlerischer Berater des Orchesters, treffen sich zum Interview in einem Bamberger Café. Gut gelaunt und erwartungsfroh blicken beide auf die anstehenden Jahre. Es gibt viel zu tun, und sie wollen es gemeinsam angehen.

Herr Nott, wir hatten Sie schon vor der Frühjahrstournee als möglichen Kandidaten für die Position des Ersten Dirigenten und Künstlerischen Beraters im Auge. Als die Zusammenarbeit so hervorragend verlief, waren wir überzeugt, in Ihnen den Richtigen gefunden zu haben. Unsere Anfrage kam sicher sehr überraschend für Sie ...

— (lacht) Ja, damit hatte ich nicht gerechnet und war daher spontan sehr erfreut. Ich habe mich aus Überzeugung dafür entschieden, die Position ab Juli 2014 wahrzunehmen, weil ich die Chemie zwischen dem Orchester und mir als äußerst stimmig empfunden habe. Die Junge Deutsche Philharmonie ermöglicht es mir, meine Art, Musik zu machen, umzusetzen. Es ist wunderbar, mit den jungen Musikerinnen und Musikern zusammenzuarbeiten, denn sie sind gierig nach Schönem und bereit, viel Energie zu investieren.


In der vergangenen Ausgabe des Taktgebers sagten Sie, Proben seien ein notwendiges Übel. Nun zeichnet sich die Arbeit der Jungen Deutschen Philharmonie besonders durch intensive und im Vergleich mit Berufsorchestern lange Probenphasen aus. Haben wir Sie von diesem Konzept überzeugt?

— Ich glaube, man darf meine Aussage nicht allzu sehr auf die Goldwaage legen. Die Proben sind vor allem dazu da, ein Werk kennenzulernen. Eine sehr gute Kenntnis entwickelt sich erst nach und nach. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk entsteht am Ende ein vielschichtiges Ergebnis.
In der Regel üben die Musikerinnen und Musiker alleine. Das hat zwangsläufig zur Folge, dass man nur noch auf sich selbst achtet. Ein wichtiger Aspekt der Probenarbeit ist es, sich zu vernetzen, zu lernen, sich gegenseitig zu hören. Bildlich gesprochen verlängern sich die Antennen der einzelnen Orchestermitglieder während der Tuttiproben immer weiter, und man stimmt sich immer besser aufeinander ab.
Meine Aufgabe liegt darin, eine Umgebung zu schaffen, in der wir keine Hemmungen haben, beim Spielen über unsere Grenzen hinauszugehen, zu experimentieren, und so improvisieren zu können. Dafür braucht man eine sorgfältig gesteuerte Vertrauensbasis. Und das Orchester muss mich frei laufen lassen, dann kommt man zum besten Ergebnis: Jeden Abend etwas Neues zu erschaffen.


In den letzten Jahren haben Sie Ihre Zeit zunehmend jungen Klangkörpern gewidmet. Was reizt Sie an dieser Arbeit?

— In meinem Leben und meiner Karriere ist nun ein Punkt erreicht, an dem ich zurück- und weitergeben möchte. Ich habe viel mehr erreicht, als ich je glaubte, und wenn es jetzt vorbei wäre, wäre ich sehr zufrieden. Wie viele Stunden habe ich mit den Partituren von Mahlers 9. Sinfonie und anderen Werken verbracht? Die daraus gezogenen Erkenntnisse möchte ich nun teilen und zwar am liebsten mit jungen Menschen, denn sie sind die Zukunft. Das Schöne bei der Jungen Deutschen Philharmonie ist es doch, dass man eine Beziehung zu zahlreichen jungen Musikern aufbaut, die später die Idee in Orchester auf der ganzen Welt hineintragen. Und auch wenn jemand kein Musiker, sondern Zahnarzt wird, die Musik trägt er immer in sich.


Wo sehen Sie die Junge Deutsche Philharmonie in der Orchesterlandschaft?

— Nach bisher nur einer Zusammenarbeit ist es noch schwer zu sagen, wo das Orchester einzuordnen ist. Ich muss gestehen, dass ich vor der Frühjahrsarbeitsphase nie ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie besucht hatte und nur zwei Aufnahmen kannte. Als ich begann, die Proben zu leiten, war ich positiv überrascht von der künstlerischen Qualität. Wenn es bei dem heutigen Maß an Globalisierung in der Orchesterlandschaft gelingt, einen deutschen Klang zu erzeugen, dann ist das nicht zu unterschätzen. Ich kenne nicht viele Orchester, die diesen innerlichen, tiefgreifenden Klang produzieren können. Diese Musiktradition muss gepflegt werden, denn sie ist der Schlüssel zum Überleben im Musikgeschäft. Seit einiger Zeit erleben wir im Klassikbereich das Phänomen der Sehnsucht nach Jugend, wie wir sie aus der Alltagskultur bereits kennen. Auf diesen Jugendwahn dürfen wir aber nicht zählen, da die oberflächliche Euphorie vielleicht schon bald vorüber ist. Der verlässlichste Faktor ist daher nach wie vor die Qualität.


Die Besonderheit an unserem Orchester ist die stetige Erneuerung. Es gibt immer wieder neue Mitglieder, die wissbegierig und bereit sind, sich mit ihren Ideen einzubringen. Durch diese Fluktuation stehen wir vor der Herausforderung, einen gemeinsamen Klang entstehen zu lassen. Wie sehen Sie als Dirigent die Möglichkeit, trotzdem eine gewisse Kontinuität zu erzeugen?    

— Ich schätze diese Fluktuation positiv ein. Die Junge Deutsche Philharmonie ist schließlich kein „Muggenorchester“, das nur einmal im Leben zusammenkommt. Die Besetzung ist zwar bei jedem Projekt eine andere, allerdings treffen während der verschiedenen Arbeitsphasen oft dieselben Leute in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander, insofern ist eine gewisse Kontinuität vorhanden. Zudem fällt auf, dass dem Orchester aufgrund der Ausbildung der Musikerinnen und Musiker an den deutschsprachigen Hochschulen bereits der eben erwähnte deutsche Klang immanent ist; also zeigt sich auch hier wieder eine gewisse Konstante.


In den nächsten Jahren haben wir nun Gelegenheit zu intensivem Austausch. Sie lernen unser ganzes Spektrum an Projekten kennen, und wir profitieren von Ihrer Erfahrung auf den verschiedensten Gebieten. Dazu wollen wir nach Möglichkeit einmal im Jahr zusammenarbeiten.

— Es ist mir sehr wichtig, dass wir regelmäßig gemeinsam Projekte verwirklichen. Da das Orchester nur zu einer begrenzten Anzahl großer Projekte jedes Jahr zusammenkommt, ist es für das Sammeln von Erfahrungen wesentlich, auch mit unterschiedlichen Dirigenten zu arbeiten. Zudem möchte ich gerne, dass wir uns in allen musikalischen Bereichen begegnen, die das Orchester anbietet; immerhin reicht das Repertoire von Klassik und Barock über die großen romantischen Symphonien bis hin zu Zeitgenössischem.


Wir haben bereits darüber gesprochen, was wir in der Zukunft gemeinsam erarbeiten wollen, darunter befinden sich Werke von Helmut Lachenmann, Jörg Widmann, Anton Bruckner und vielleicht sogar Richard Wagner. Wir achten bei unseren Programmen stets darauf, dass die Werke in einem Kontext stehen beziehungsweise sich gegenseitig beeinflussen. Das Publikum erwartet, von uns inspiriert zu werden.

— Viele der Programmideen fand ich bereits sehr inspirierend und vor allem innovativ. Bis in die 80er Jahre hinein war ich kein Fachmann für Neue Musik. Nach einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit diesem Repertoire erfreue ich mich heute an Werken aus den unterschiedlichsten Epochen. Diese Erfahrungen möchte ich dem Publikum zuteil werden lassen, indem wir ihm zeigen, wie sich die Spielweisen von Instrumenten oder der Klang im Laufe der Zeit veränderten. Je mehr Neues man erfährt, desto mehr entdeckt man in scheinbar bekannten Werken. Meiner Ansicht nach sollten die Programme Werkkombinationen enthalten, von denen in diesem Sinne sowohl das Orchester als auch das Publikum profitieren.

*** Interview: Nico Treutler
Violoncello / Vorstandssprecher der Jungen Deutschen Philharmonie
Redaktion: Janina Schmid
Marketing und Öffentlichkeitsarbeit

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