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Beinahe wäre Jonathan Stockhammer Sinologe statt Dirigent geworden. Dann aber setzte sich
die Musik durch, die sein Leben von Kindheit an bestimmt hatte. Wie er als Neunjähriger auf
den Spuren von Pierre Boulez wandelte und wie man mit Tschaikowsky auf eine gestohlene Geldbörse
reagiert, davon berichtet mir JonathanStockhammer.

Jonathan, Chinesisch und Politologie waren ihre Hauptfächer im College. Wo war die Musik
geblieben?
—— Sie hatte nur eine Auszeit. Musik ist für mich von jeher das Thema Nummer eins. MeinVater war Bratscher im Los Angeles Philharmonic Orchestra und wurde vor Kurzem (mit achtzigJahren!) pensioniert, meine Mutter ist Flötistin– und so war unser ganzes Familienleben schon immer von Musik durchdrungen. Trotzdem hörte ich immer wieder von meinen Eltern:„Mach’ etwas Sinnvolles, werde Arzt oder Anwalt“- die typischen Elternwünsche eben. Weil mir damals noch nicht wirklich bewusst war, wie sehr ich die Musik liebe, habe ich die Ratschläge ein gewisser Weise angenommen und mich an einem Liberal Arts College in Boston für Chinesisch und Politologie eingeschrieben. Meine gesamte Freizeit habe ich allerdings damit verbracht, in Konzerte zu gehen: vor allem zu Bernstein nach New York oder zu Solti nach Chicago. Dann, 1989, wollte ich ein Auslandssemester in Peking absolvieren, wozu es aufgrund des Tian’anmen-Massakers nicht kam. Diese Zäsur in meinem Studium war entscheidend, denn damals wurde mir klar, dass Musik keine Nebensache in meinem Leben sein kann, sondern der Mittelpunkt sein muss.

Dann sind sie zurück nach Los Angeles gegangen.
—— Ja, und dort habe ich ein Studium in den Fächern Komposition und Dirigieren aufgenommen.

Weshalb Dirigieren und kein Instrumentalstudium? Sie hatten doch bereits Erfahrungen mit verschiedenen Instrumenten – Klavier, Cello und Horn – gesammelt.
—— Das geht vielleicht auch auf eine im Rückblick sehr lustige Erfahrung aus meiner Kindheitzurück. Als Neunjähriger habe ich an einem Music Camp, ein Musik-Ferienlager, in den kalifornischen Bergen teilgenommen. Dort habe ich sämtliche Kommilitonen sowie den Leiter überredet, dass eine Komposition von mir gespielt wird. Ich war so engagiert, dass offenbar niemand Nein sagen wollte. So kam es,dass mein Stück Sunset over the Egyptian Dunes tatsächlich uraufgeführt wurde – und ich musste dirigieren. Seitdem war ich in meiner Familie „der Dirigent“. Und obwohl das damals eher scherzhaft gemeint war, ist das Thema zu einer Art rotem Faden in meiner Biographie geworden.

Also ein Composer / Conductor von klein auf ...
—— (Lacht) Ja, irgendwie schon. Wichtig auf diesem Weg war auch ein Mentor, den ich als Teenager hatte – Thomas Stevens, damals Solotrompeter des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Mit ihm habe ich sehr viel diskutiert, er hat mich sozusagen in die „Schwarze Magie“ der Musik eingeweiht. Und Stevens sagte mir immer: „Wenn du Dirigent werden willst, studiere nicht nur Dirigieren, sondern auch Komposition – so wie zum Beispiel Pierre Boulez.
Dann verstehst du Partituren aus einer ganz anderen Perspektive heraus.“ An diesen Ratschlag habe ich mich dann letztlich gehalten und sehr davon profitiert. Insbesondere bei der Interpretation von Neuer Musik ist dieser unmittelbar praktische Zugang von unschätzbarem Wert.

Spielt deshalb die Neue Musik in ihrem Repertoire eine so große Rolle?
—— Ja, weil es die Arbeit ungemein belebt. Ich verbinde mit jedem Projekt mit zeitgenössischer Musik ganz individuelle, nicht austauschbare Erinnerungen, ob es nun Werke von Charles Ives, Chick Corea oder Karlheinz Stockhausen waren. Das wäre sicher nicht der Fall, wenn ich zigmal hintereinander Beethovens 7. Sinfonie dirigieren würde.

Im 1822-Neujahrskonzert der Jungen Deutschen Philharmonie ist zwar keine Neue Musik vertreten – konventionell ist die Zusammenstellung der Stücke aber keineswegs. Insbesondere die beiden „Kriegsmusiken“ – Beethovens Wellingtons Sieg und Tschaikowskys Overture fallen ins Auge. Wie kam es zu diesem „martialischen“ Programm?
—— Ob ich das wirklich erzählen soll ...? Okay, es ist zwar eigentlich nicht meine Art der Programmzusammenstellung – aber so war es nun mal. Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen für das Neujahrskonzert. Das Liszt-Konzert stand relativ schnell fest, daneben waren Stücke von John Adams,AaronCopland, John Cage, George Gershwin, Zoltán Kodály, Darius Milhaud oder Francis Poulenc im Gespräch – aber noch war nichts entschieden. Dann war ich eine Woche in Frankreich und kam von einer misslichen Lage in die andere: Ich wurde bestohlen, die Polizei war wegen des Nationalfeiertags nicht besetzt, dann habe ich noch meinen Zug zurück nach Berlin verpasst, weil ich keine Fahrkarte kaufen konnte – es war einfach furchtbar. Als ich dann endlich wieder zu Hause war, kam ein weiterer Programmvorschlag von der Jungen Deutschen Philharmonie: „Revolutionsmusiken“– darunter eben auch die Stücke von Beethoven und Tschaikowsky. Was lag da näher, als meine momentane Wut auf Frankreich mit zwei Kompositionen zu sublimieren, die Siege über Napoleon bzw. Joseph Bonaparte feiern. Das hatte schon eine gewisse Poesie. (Lacht) Davon abgesehen finde ich beide Stücke sehr interessant: Ich schätze die Energie, die treibende, rhythmische Kraft, die in dieser Musik steckt.

Ist es das erste Mal, dass sie mit der Jungen Deutschen Philharmonie arbeiten?
—— Ja, das allererste Mal, und ich freue mich schon sehr darauf. Ich habe vor Kurzem mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gearbeitet, in der ja viele ehemalige Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie spielen. Das sind ganz besondere Orchester, vor allem deshalb, weil die „Dienstmentalität“, die man in anderen Orchestern nicht selten antrifft, hier nicht existiert. Es gibt eine deutlich spürbare Passion, mit der an die Musik herangegangen wird – das ermöglicht eine ganz andere Art von Arbeit.

... die ihrem Ideal vom Dirigieren entspricht?
—— Absolut. Ich spreche gerne mit den Musikern über die Stücke, die gespielt werden. Nicht nur auf einem technischen, interpretatorischen Level, sondern auch assoziativ, auf der Basis des ganz persönlichen Empfindens. Orchester, die an Dienstpläne und Probenzeiten gebunden sind, lassen sich auf solche „Ausflüge“ nicht immer ein. Da muss eher effizient im Sinne von „schnell“ gearbeitet werden. Wenn aber die Zeit vorhanden ist und das Interesse besteht, ist das auch für mich eine besonders bereichernde Erfahrung. Man kann Stücke neu denken, eingeschliffene Gewohnheiten in Frage stellen und auf diese Weise zu einer ständigen Weiterentwicklung des eigenen Blicks auf die Partituren gelangen.

***

Dr. Michael Rebhahn

Musikpublizist

 
Der 1969 in Los Angeles geborene Dirigent Jonathan Stockhammer ist einer der vielseitigsten Dirigenten der jüngeren Generation. Er arbeitete u. a. mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra, dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin, dem Ensemble Modern, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und war Gast bei Festivals wie Wien Modern und den Salzburger Festspielen. Er widmet sich insbesondere auch der Neuen Musik und dem Musiktheater und hat daneben genreübergreifende Produktionen realisiert, etwa die Einspielung eines neuen Soundtracks zu Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ von und mit den Pet Shop Boys. Die von ihm dirigierte Aufnahme von The New Crystal Silence mit Chick Corea, Gary Burton und dem Sydney Symphony Orchestra erhielt 2009 einen Grammy. Jonathan Stockhammer lebt in Berlin.

 


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