„Die Viola fasziniert mich unglaublich!“, erzählt Sofia Gubaidulina in einem Interview zu ihren Konzert für Viola und Orchester. „Sie ist sozusagen ein ganz anderes Tier. Es interessiert mich, mit ihren dunklen Schattierungen Klang schaffen zu können. Darum habe ich etliche Werke mit Beteiligung der Viola geschrieben.“ Neben dem Orchester steht der Solo-Bratsche auch noch ein Streichquartett gegenüber, dessen Instrumente um einen Viertelton tiefer gestimmt sind. Das Quartett war für die Komponistin essenziell, weil „es die Intervallverhältnisse unterstreicht. So konnte ich neben der üblichen Skala auch vierteltönige Verhältnisse nutzen. Wenn sich beispielsweise die kleine Sekunde auflöst in eine große Sekunde, bewegen sich hier beide Stimmen des Intervalls jeweils um einen Viertelton in entgegengesetzter Richtung. So etwas war für mich sehr wichtig. Ein Übergang wie von kleiner Sekunde zu großer Sekunde ist banal und absolut nicht interessant. Aber wenn wir diesen zusätzlichen Raum haben, also die Bewegung von oberer und unterer Stimme, wird es wirkungsvoll. Damit bekommt die Form ein Gesicht. Im Konzert ging es mir um feine intervallische Verhältnisse.“

 

Jonathan Nott, Erster Dirigent und Künstlerischer Berater der Jungen Deutschen Philharmonie, schreibt über Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9: Sie beginnt mit einer langen Introduktion, basierend auf verschiedenen kleinen Motiven, bevor das erste Thema im Fortissimo präsentiert wird. Für mich ist das, als ob ich in eine dunkle Kirche ginge, aufgeregt, vielleicht verängstigt und Gott flehend fragte, was mich mit dem Tod, und darüber hinaus, erwarte. Beispielhaft wird dies gleich zu Beginn von den Hörnern, sekundiert von zwei Tönen in den Trompeten und der Pauke, dargestellt. Man könnte den Text „Oh Gott, erbarme dich. Amen“ darunterlegen, doch das verbindet die Elemente zu sehr. Wenn man aber dem „Oh Gott, erbarme dich“ die beiden letzten Silben wie ein leeres Echo in den Weiten des Doms hinterherschickt, dann verstärkt man das Gefühl totaler Einsamkeit, mit dem sich dieses Thema aufbaut. Ich will damit deutlich machen, dass sich der erste Satz viel mehr mit dem Ich und seinem (Lebens-)Kampf beschäftigt als mit dem Jenseits und seiner Erlösung.
Der zweite Satz hat etwas Diabolisches, man könnte es als Feuer der Hölle verstehen. Oder, wenn man es philosophisch betrachten will, als Energie menschlicher Kreativität. So rücken Irdisches und Religiöses zusammen, werden eins.
Mit einem Aufschrei beginnt der letzte Satz, der uns in die totale Krise zu einem stark dissonanten Akkord führt. Der anschließende, unendlich lange Aufbau verheißt einen Lobgesang – anstelle dessen fällt aber alles in einem „subito pianissimo“ zusammen. Der weitere Verlauf des Satzes stellt mit wiederholten Zitaten eine Rückschau auf Bruckners Schaffen dar und führt uns in eine Art von außerkörperlicher Erfahrung. Wir fühlen uns in einem zeitlosen Raum.

Sofia Gubaidulinas Konzert für Viola und Orchester (Solist: Antoine Tamestit) und Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll unter der Leitung von Jonathan Nott. Eine Live-Aufnahme aus der Berliner Philharmonie

Die Junge Deutsche Philharmonie dankt der Deutschen Bank, die diese CD-Produktion ermöglicht hat.

Die Junge Deutsche Philharmonie dankt der Aventis Foundation, der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kuratorium der Jungen Deutschen Philharmonie für die Förderung der Herbsttournee 2015.

Die Junge Deutsche Philharmonie dankt den Dozentinnen und Dozenten der Bamberger Symphoniker, die die Registerproben geleitet haben.
 
 
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