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Der finnische Geiger Pekka Kuusisto, Jahrgang 1976, hat als Solist seinen Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik gesetzt, engagiert sich aber in mehreren Sparten und Epochen der Musik gleichermaßen – Hauptsache, es wird mit Intensität und ganzem Einsatz gespielt. Die Junge Deutsche Philharmonie hat ihn zu ihrem Herbst-Projekt eingeladen. Pekka Kuusisto verrät, warum er sich darauf freut.

 
Sie werden mit der Jungen Deutschen Philharmonie eine ausgedehnte Tournee unternehmen, bei der Ligetis Violinkonzert auf dem Programm steht. Das könnte ein Grund dafür sein, dass das Orchester Sie eingeladen hat.

– Das Violinkonzert von György Ligeti ist ein ziemlich schwieriges Stück. Es wurde zwar in den letzten Jahren mehrfach von wunderbaren Musikern eingespielt, aber es gibt nicht allzu viele Geiger, die es im Repertoire haben. Ich habe es schon mehrfach aufgeführt, so dass vielleicht mein Name einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort fiel. Mit Jonathan Nott habe ich noch nie gearbeitet, ich weiß aber, dass er sich Ligetis Werk sehr verpflichtet fühlt. Und seine Arbeit in Bamberg genießt international einen ausgezeichneten Ruf.

Eine Jury bezeichnete Sie vor einiger Zeit als „Violinisten der absoluten Elite“. Was kann damit gemeint gewesen sein?

– Ich hoffe, die Jury hat da nicht von Spieltechnik gesprochen. Ich bin sicher, dass es etliche Geiger gibt, die schneller spielen können als ich. Aber wenn ich mir wünschen dürfte, wie diese Aussage gemeint sein soll, fände ich es schön, wenn sie darauf gemünzt wäre, dass ich mich mit sehr verschiedenen Musikstilen intensiv auseinandersetze. Ich spiele traditionelle Musik, aber auch improvisierte Musik, ebenso wie technologisch avancierte, also elektronische Musik. Und ich befasse mich intensiv mit zeitgenössischem Repertoire. Für einen Musiker, der so arbeitet, ist das Leben in den letzten Jahren zum Glück etwas leichter geworden. Die Welt der sogenannten klassischen Musik und ihre Organisationen haben sich ein wenig geöffnet. Der Geist unserer Zeit ist Menschen wohl gesonnen, die ihr Solisten-Leben nicht nur um die vier berühmtesten Violinkonzerte bauen, sondern ihren Beruf ein wenig experimenteller gestalten.

Sie spielen mit Jazzmusikern wie Iiro Rantala, Sie gelten als Sibelius-Fachmann und haben viel Musik von Ihrem Landsmann Rautavaara eingespielt – es gibt wenige Geiger, die so einen Entfaltungsbereich haben.

– Es gibt noch etwas, was für mich sehr wichtig ist: Ich arbeite viel mit Kammerorchestern, und zwar ohne Dirigenten. Dazu habe ich Spielweisen entwickelt, mit denen ich das Orchester von der Geige aus leiten kann. Ich benutze dabei verschiedene Aspekte meiner körperlichen Präsenz mit dem Instrument, um mit dem Orchester zu kommunizieren, um musikalische Ideen beim Spielen zu vermitteln. Das hat oft eine ganz intensive Art von Reaktionen auf der Bühne zur Folge, und wenn das Repertoire stimmt, ist das wirklich sehr erregend. Möglicherweise werde ich auch deshalb öfter gebeten, mit jungen Leuten zu arbeiten. Viele Lehrende an Hochschulen haben ja inzwischen eingesehen, dass Reaktionen im Ensemble und eine gemeinsame emotionale Intensität für die Studenten erfrischend sind – ein wirksames Gegengewicht zu dieser extrem harten Arbeit, die nötig ist, wenn man zum Beispiel acht Stunden täglich daran arbeitet, das Tschaikowski-Konzert zu lernen. Dass man dann etwa mit einem Orchester auf einem hohen Energie-Level eine Haydn-Symphonie spielt und dabei arbeitet wie in einem Kammerorchester, also mit gegenseitigem Zuhören und Reagieren, das finden viele Schulen heute sehr gesund. Was unser Projekt mit der Jungen Deutschen Philharmonie anbelangt: Das Ligeti-Konzert ist sehr kompliziert, es ist aber auch sehr inspirierend, und wenn man lange daran gearbeitet und es wirklich verstanden hat und wirklich spielen kann, wirkt es wie ein gelingender Zaubertrick.

Das wird eine zeitintensive Probenarbeit erforderlich machen.

– In der Tat. Wir haben eine ausgiebige Probenzeit vereinbart, und wir spielen viele Konzerte zusammen. So können wir dem Stück erlauben, mit den Musikern zusammen zu wachsen.

Sie sprachen von Interaktion auf der Bühne. Im Normalfall des Musikbetriebs probt der Dirigent ein Werk mit dem Orchester, der Solist kommt gut vorbereitet zur letzten Probe, spielt sein Ding, koordiniert sich noch kurz mit dem Dirigenten, und dann geht es abends auf die Bühne. Sie dagegen finden eine intensive Probenarbeit mit dem Orchester wichtig.

– Absolut. Wenn ein Solist seine Arbeit ordentlich macht, sollte er sehr genaue und detaillierte Vorstellungen davon haben, wie die Bedeutung jedes einzelnen Musikers im Orchester gestaltet sein muss. Und ebenso sollte er in der Lage sein, diese Vorstellungen loszulassen, wenn es nicht möglich ist, sie zu verwirklichen – etwa, weil die Zeit nicht ausreicht. Aber in einer idealen Welt sollten Orchester und Solist jedes ihrer Stücke so intensiv proben wie ein Streichquartett, so dass am Ende jeder Musiker – und eben nicht nur der Dirigent – weiß, was an welcher Stelle bei jedem anderen Musiker geschieht und was wichtig ist. Alle sollten zusammen atmen und gemeinsam die Musik in die Welt bringen.

Wie viel Probenzeit haben Sie mit der Jungen Deutschen Philharmonie?

– Wir werden vier oder fünf Tage miteinander verbringen. Das ist revolutionär: Wenn ich zum Beispiel mit einem der großen Londoner Orchester spiele, haben wir 50 Minuten für die gemeinsame Probe.

Die Junge Deutsche Philharmonie ist auch für ihre unermüdliche und intensiv lernende Probenarbeit bekannt.

– Darauf freue ich mich, denn das ist genau das, was wir brauchen. Ligetis Violinkonzert funktioniert nur, wenn jeder Einzelne alles, was er kann, in die Musik hineingibt. Dann hebt es ab und beginnt zu fliegen.

Wenn Ihnen Kommunikation bei den Proben und auf der Bühne so wichtig ist, wird vermutlich das Konzert am 8. September in Hanau anders klingen als das am 17. September in Dresden oder einen Tag später in Köln.

– Es wird große Unterschiede geben. Einerseits im Bereich der Mikro-Dynamik, der Artikulation, der Gestaltung von Charakteren, aber auch darüber hinaus: Ligeti hat dem Solisten die Aufgabe gestellt, jedes Mal eine neue Kadenz zu komponieren oder zu improvisieren, und diese Aufgabe wird auf das ganze Orchester ausgedehnt. Wir werden Möglichkeiten für die Orchestermusiker erproben, was sie in der Kadenz tun können. Und wir werden jeden Abend ein wirkliches Abenteuer gemeinsam erleben.

Vermutlich wird auch während der Tournee intensiv weiter geprobt?

– Unbedingt. Jedes Konzert wird uns etwas Neues zeigen über die Gruppe, über unsere Reaktionen aufeinander. Darüber, was für Möglichkeiten sich uns erschließen, wenn in jedem und jeder eine Extraportion Adrenalin zirkuliert. Ligeti selbst wusste sehr genau, dass das, was er schrieb, sehr extrem ist. Einige der Passagen in dem Konzert setzen geradezu Adrenalinproduktion voraus, um möglich zu werden. In der Fagott-Stimme zum Beispiel steht eine Note, die viel höher liegt, als das Instrument normalerweise hergibt. Jeder Musiker denkt da: Das ist doch unmöglich, dieser Komponist ist verrückt. Aber Ligeti schreibt gleich danach: „Es ist möglich!“ Wir werden bestimmt auch viel Spaß haben.

Sie sind auf extreme oder unvorhersehbare Situationen vielleicht auch deshalb eingestellt, weil Sie mit improvisierenden Musikern spielen.
 
– Im März zum Beispiel habe ich mit Arve Henriksen und dem Perkussionisten Eirik Raude ein frei improvisiertes Konzert bei dem Kammermusik-Festival in Røros gespielt. Das war wirklich sehr schön. Ich will Arve unbedingt zu meinem Kammermusik-Festival in Järvenpää einladen. Übrigens, weil Sie vorhin Iiro Rantala erwähnten: Er ist mit meiner Schwester verheiratet, ich kenne ihn also schon sehr lange, wir spielen immer wieder zusammen, und unsere Musik ist immer gleichermaßen komponiert wie improvisiert. Als Ligeti das Violinkonzert schrieb, führte er ein Notizbuch mit endlosen Anmerkungen und Zeichnungen, die meist nur er selbst verstehen konnte. Ich erinnere mich an eine Seite mit solchen Zeichnungen und mit den Namen Thelonious Monk, Jimi Hendrix, Miles Davis und John Coltrane. In Ligetis Musik ist afroamerikanischer Einfluss, also Jazz, lebendig, aber auch ungarische Traditionen – eine sehr passende Komposition für unsere Zeit, in der man alle Musik dieser Welt an seinem Schreibtisch zur Verfügung haben kann.

Hans-Jürgen Linke, Autor

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