Capucon BannerNRenaud Capuçon kam bereits 1990 im Alter von 14 Jahren ans Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris. Er gewann bald Preise in allerlei Wettbewerben und wurde 1997 Konzertmeister des Gustav Mahler Jugendorchesters. Heute ist er ein erfahrener und gefragter Solist auf internationalen Konzertpodien. Seine musikalische Leidenschaft gilt der deutschen Romantik. Robert Schumanns Violinkonzert, das er im Frühjahr mit der Jungen Deutschen Philharmonie spielen wird, zählt zu seinen besonderen Lieblingswerken.


Sie spielen demnächst mit der Jungen Deutschen Philharmonie Robert Schumanns Violinkonzert, das Sie schon oft gespielt und mit dem Mahler Chamber Orchestra auch aufgenommen haben. Offenbar kennen Sie das Werk recht gut.

— Ich weiß gar nicht, wie oft ich es schon gespielt habe. Es ist vielleicht das Stück, das ich bisher am häufigsten aufgeführt habe, bestimmt öfter als die Violinkonzerte von Brahms und Beethoven. Bei einem französischen Geiger klingt das vielleicht etwas eigenartig, aber ich spiele hauptsächlich ein deutsches Repertoire. Ich liebe diese Musik.

Wie kam es zu dieser Liebe?

— Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich, als ich noch recht jung war, in Berlin studiert habe. Ich habe damals viel Kammermusik gespielt und gehört, und ich habe mich intensiv mit Schubert, Beethoven und Brahms beschäftigt. Das war gewissermaßen meine tägliche musikalische Nahrung, und es ist für mich die Basis all meiner Musik geworden. Aber Schumanns Violinkonzert ist in meinem Repertoire etwas Besonderes, etwas ungemein Wichtiges. Ich weiß, dass das nicht allen Geigern so geht. Sie kennen wohl die Geschichte, dass Joseph Joachim und auch Schumanns Familie dieses Werk sehr lange zurückgehalten haben, so dass es erst 1937, über 80 Jahre nach Schumanns Tod, uraufgeführt wurde. Auf dem Stück lastete etwas wie ein Fluch. Viele Geiger mögen es nicht, weil es schwierig zu spielen ist und weil sie den Eindruck haben, dass sich diese Schwierigkeiten nicht lohnen. Es ist nicht wie Mendelssohns oder Bruchs Violinkonzerte, die brillant sind und das Publikum in Aufregung versetzen. Schumann belässt die Solovioline im mittleren Register und stellt dabei hohe technische Anforderungen. Joachim fand wohl, dass es für Schumanns Niveau als Komponist nicht repräsentativ sei. Womit ich nicht einverstanden bin. Wenn man sich von diesem System aus Schwierigkeiten und Belohnungen befreit, ist es eines der erstaunlichsten Violinkonzerte überhaupt.

Es ist sehr bewegt und lyrisch …

— ... und organisch. Speziell im letzten Satz gibt es nicht nur Schwierigkeiten, sondern auch schwer lastende Passagen. Aber es ist wichtig, dass man es in dem Tempo spielt, in dem Schumann es geschrieben hat. Also auf keinen Fall zu schnell. Ich habe es letzte Woche in England mit einem Orchester gespielt, das dieses Stück sehr selten, wenn überhaupt je intoniert hat. Es waren Musiker dabei, die seit Jahrzehnten jede Woche alles Mögliche spielen, aber sie hatten dieses Stück noch nie gehört. Das ist sehr ungewöhnlich zu erleben, wie im 21. Jahrhundert Musiker einen Schumann neu kennen lernen. Das Konzert teilt Musiker und Publikum ein in solche, die – wie ich – geradezu besessen davon sind, und solche, die es nicht mögen, die es nicht an sich heranlassen. Ich respektieredas, aber für mich ist das Stück eher wie eine Droge. Entschuldigung, ich rede die ganze Zeit ohne Unterbrechung. Ich könnte stundenlang über Schumanns Violinkonzert reden. Was mich daran fasziniert, ist, dass ich Schumanns Schmerz immer noch nachempfinden kann. Darum kann es nicht leicht klingen. Schumann leidet, das spürt man, und plötzlich gibt es einen Lichtblick. Zwei, drei Takte später wird es wieder düster, aber wenn man diesen einen Takt Hoffnung hat in dieser Umgebung, dann hat dieser Takt eine große Kraft, nicht nur für mich, auch für das Publikum. Man muss diese Stellen und ihre Wirkungen genau kennen, und wahrscheinlich muss man das Konzert lieben, um es richtig zu spielen. Wenn man es nicht liebt, sollte man es vielleicht eher meiden.

Sie sagten, dass Sie auch erlebt haben, wie Orchestermusiker reagieren. Wie teilt sich das Ihnen mit?

— Während der ersten Probe spürt man, dass ihnen das Werk zunächst fremd ist und wie sich nach einigen Probenstunden eine intensivere Beziehung entwickelt. Ein Geiger kam nach der Probe zu mir und sagte: Ich finde es wundervoll, ich kenne jeden Takt. So etwas stiftet Verbindungen. Aber man trifft auch immer wieder Musiker und Dirigenten, die sagen, das sei ein gutes Stück, aber sie verstünden es nicht richtig. Manchmal denke ich, es ist meine Mission, dafür zu sorgen, dass alle Menschen dieses Konzert lieben. Leider schaffe ich das nicht, vielleicht, weil ich es nicht gut genug spiele.

Ist das Besondere an Schumann, dass er so komponierte, wie er musste?

— Genau so ist es. Daher kommt es, dass Schumanns Musik einen direkten Weg zum Herzen findet. Wenn man ihn mit Brahms vergleicht, sieht man, dass Brahms viel besser, viel korrekter gebaut ist – was keine Kritik ist, ich liebe Brahms. Seine Musik gibt mir ein Gefühl, als läge ich in einer warmen Badewanne mit ätherischen Ölen, die mir gut tun. Wenn man Schumann spielt, ist alles viel komplizierter. Man spürt sein Scheitern, man spürt die Fragilität seiner Persönlichkeit.

Was erwarten Sie von einem Orchester, mit dem Sie Schumanns Violinkonzert aufführen?

— Offenheit vor allem. Am Anfang zum Beispiel hat man diese Schlagzeug-Stelle. Wenn man das einfach geradeaus spielt, hat es keine Bedeutung. Man muss es organisch spielen, wie einen Puls. Ich freue mich sehr, mit einem jungen Orchester zu spielen, und ich bin sicher, sie werden sich in das Stück verlieben. Ich selbst habe es kennen gelernt, als ich jung war, und es passte zu meinem Temperament und meinen Gefühlslagen in diesem Alter. Wir werden wunderbare Gespräche darüber haben.

Kennen Sie den Dirigenten Stefan Asbury?

— Bisher nicht. Das Programm, das wir spielen werden, war auch seine Wahl, darum bin ich ziemlich sicher, dass er zu denen gehört, die das Stück lieben. Ich denke, die Chancen sind gut. Es gibt ja unter den jüngeren Musikern eine starke Robert-Schumann-Fraktion, die ihn für einen der avanciertesten und darum auch einsamsten Komponisten des 19. Jahrhunderts hält. Schumann ist mitten unter uns. Er ist kein Genie, das über allem schwebt. Er ist ein Mensch, genau wie wir selbst Menschen sind. Das teilt er in seiner Musik mit. Man hört, wenn er ganz unten ist, man hört seine Verletzlichkeit, man hört seinen Zorn. Er spiegelt, er reflektiert seine Zustände in der Musik. Das macht ihn zum Mitmenschen. Das gibt seiner Musik etwas sehr Klares. Andererseits muss man auch den Schmerz, den Zorn annehmen. Man kann das Violinkonzert nicht aus sicherer Distanz spielen, man muss mittendrin stecken.

Was erwarten Sie, außer Liebe zu Schumanns Musik, noch von einem Orchester?

— Ich spiele Konzerte am liebsten wie Kammermusik. Und ich spiele nie zwei Mal hintereinander das Gleiche. Ich würde mir wünschen, dass sich die Musiker darauf einstellen können. Ich stelle mich ja auch jedes Mal neu und immer wieder anders auf das Orchester ein.

Wie viel Probenzeit haben Sie?

— Wie üblich zwei Proben und die Generalprobe, das ist normalerweise in Ordnung.

Zumal Sie das Programm mehrere Male spielen, so dass Sie nach der ersten Aufführung weiter arbeiten können.

— Ein Werk zu proben und es dann nur einmal zu spielen, ist frustrierend. Bei jedem Orchester fällt einem nach dem ersten Konzert manches ein, was man gemeinsam besser machen könnte. Und ich bin sicher, dass die Musiker s von Mal zu Mal mehr lieben werden.

Was kann der Dirigent für Sie tun?

— Mehr als bei jedem anderen Konzert muss er für mich ein echter Partner sein, der errät, was ich will. Er muss mit mir den Schmerz teilen, den Schumann ausdrückt. Er sollte nicht nur auf Tempo und Dynamik und seine Schlagtechnik achten.

Werden Sie viel bei den Proben reden oder eher spielen?

— Das hängt von manchem ab, was ich noch nicht weiß. Es gibt Musiker, mit denen man viel reden muss, und es gibt Musiker, die intuitiv verstehen, die alles „riechen“, ohne viel reden zu müssen. Ich habe Dirigenten erlebt, mit denen es eine intuitive Ebene der Verständigung gab. Ich habe auch Orchester erlebt, bei denen das ging. Und ich habe Situationen erlebt, wo man stundenlang redete, ohne in eine gemeinsame Richtung zu kommen. Musik hat sehr viel damit zu tun, dass man ein Mensch ist, der mit anderen Menschen atmet. Als Solist gebe ich keine Befehle, ich mache Vorschläge. Und ich arbeite gern mit Dirigenten und Musikern, die das genauso machen. Sehr selten habe ich mit Dirigenten gearbeitet, die einem etwas überstülpen wollten. Das war dann sehr schwierig. Wenn so etwas geschieht, ist das erste Opfer die Musik. Musik besteht aus Energie und aus Spannung. Sie muss zirkulieren, damit man ihre Energie, ihre Spannung ausdrücken kann. Das geht nur, wenn man nicht da ist, um der Wichtigste im Raum zu sein. Also wenn man die Musik respektiert.

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Interview: Hans-Jürgen Linke
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